Garmisch-Partenkirchen - In unserem Exklusiv-Interview spricht Maria Höfl-Riesch darüber, wie die großen Erfolge - etwa zwei Olympiamedaillen - ihr Leben verändert haben.

© Thomas Sehr
Lokaltermin in der alten Heimat: Vor den beiden Weltcuprennen am Wochenende in Garmisch-Partenkirchen stand Maria Höfl-Riesch, inzwischen in Kitzbühel zuhause, im Radlbistro ihres Fanklubs unserem Redakteur Alexander Schwer Rede und Antwort.
Wie immer ist der Terminplan voll. Maria Höfl-Riesch hat noch ein paar Verpflichtungen an diesem Tag. Hier ein Interview, da ein Fernsehdreh. Doch man hat eigentlich nie den Eindruck, dass die 27-jährige Doppel-Olympiasiegerin, Slalom-Weltmeisterin und Gesamt-Weltcupsiegerin unter Strom steht. Und in diesem Umfeld schon gar nicht: Den Heim-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen an diesem Wochenende nutzt die Wahl-Kitzbühelerin zu einem Besuch bei ihrem Fanclub. Für den hat sie, bedingt durch ihre Erfolge in den vergangenen Jahren und dadurch, dass sie nun in Tirol lebt, auch nicht mehr so viel Zeit wie früher. An diesem Nachmittag allerdings nimmt sie sich die Zeit. In Stefan Leiners Radlbistro unweit des Olympia-Skistadions, dort, wo der Fanclub zu Hause ist, steht sie ihren Anhängern Rede und Antwort – beim exklusiven Interview mit unserer Zeitung.
Maria Höfl-Riesch, wir sind hier an einem für Sie besonderen Ort. Was bedeuten Ihnen diese Räumlichkeiten?
Das ist quasi mein Zuhause. Hier hat mein Fanclub schon sehr viele Feiern gehabt. Auch wenn ich meistens nicht dabei sein konnte, weil ich ja bei den Rennen war. Aber nach den beiden Olympia-Goldmedaillen haben wir zum Beispiel hier gefeiert. Das kann man gar nicht erklären, wie das war. Das war so was von emotional. Unglaublich, dass es schon fast wieder zwei Jahre her ist. Wahnsinn.
Vor ziemlich genau einem Jahr sind Sie hier auch mit ihrem Fanclub zusammengesessen und haben vor der Ski-WM zum Hirschragout-Essen (Höfl-Rieschs Leibspeise, Anm. d. Red.) eingeladen. Wie denken Sie an die WM zurück?
Auf jeden Fall positiv. Natürlich war die Erwartungshaltung riesengroß. Ich bin letztes Jahr eine sensationelle Saison gefahren, mit vielen Siegen, bin oft auf dem Podium gestanden. Deshalb war die Hoffnung: Es muss Gold werden. Es war mein größter Traum, dass mir das zuhause gelingt. Aber zum Gewinnen muss halt alles zusammenpassen. Das hat es nicht. Ich bin krank geworden und war froh, dass ich überhaupt starten konnte. Unter den Umständen war es eine sehr erfolgreiche WM (zweimal Bronze in Abfahrt und Super-G, Anm. d. Red.).
Die Heim-WM war ein besonderer Wettkampf für Sie. Was bedeutet für Sie grundsätzlich Heimat?
Das ist für mich natürlich der Ort, an dem ich aufgewachsen und großgeworden bin. Da, wo meine Familie ist, wo ich einfach verwurzelt bin. Und das ist Garmisch-Partenkirchen. Auch wenn ich nicht mehr so viel Zeit hier verbringe, freue ich mich jedes Mal wahnsinnig, hierher zurückzukommen, die vielen bekannten Gesichter zu sehen, meine Familie und meine Freunde. Bei den Rennen sind meine Eltern ja auch oft dabei, aber es ist doch immer sehr stressig. Hier mach’ ich die Tür zu und habe wirklich mal für eine Stunde meine Ruhe. Das ist toll.
Sie sind aber nicht mehr oft hier, seit Sie in Kitzbühel wohnen, oder?
Ich bin sehr viel unterwegs. Jetzt im Winter fahr ich eigentlich von Weltcup-Ort zu Weltcup-Ort und komme immer nur zwischendurch für einen Tag nach Kitzbühel. Aber mehr war ich früher im Winter ja auch nicht in Garmisch-Partenkirchen. Da war ich auch nur den einen Tag in der Woche zwischen den Rennen hier.
Nur diese Woche sind Sie mal ein paar Tage am Stück in der Heimat.
Das ist auf jeden Fall eine besondere Woche für mich. Eben deshalb bin ich ja auch schon einen Tag früher, am Dienstag, hergekommen – um die Chance zu nutzen, mal wieder länger hier zu sein.
Im vergangenen Jahr, seit der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen, hat sich einiges verändert bei Ihnen. Sie haben geheiratet, sind umgezogen. Und Sie sind mehr geworden als nur eine Leistungssportlerin . . .
Eigentlich hat sich im letzten Jahr nicht mehr so viel verändert. Die Grundveränderung hat bereits nach Olympia 2010 stattgefunden, nach den zwei Goldmedaillen. Ich habe selber erst mit der Zeit realisiert, was die ausgelöst haben. Wie das meinen Bekanntheitsgrad gesteigert hat, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Und dann war noch die Hochzeit mit Marcus, das war auch eine Veränderung – und dass ich zu ihm nach Kitzbühel gezogen bin. Aber ansonsten, als Mensch, bin ich immer noch die gleiche Maria wie vorher.
In der medialen Wahrnehmung hat sich aber schon noch mal einiges getan. Früher waren Sie vor allem Sportlerin. Jetzt sind Sie auf vielen Bühnen unterwegs. Ist das einfach nur die Folge der beiden Olympiamedaillen?
Es ist auffällig, dass auch die Kritik an Ihnen deutlich zugenommen hat. Woher kommt das?
Ich glaube, durch meinen Erfolg ist das ganze Drumherum schwieriger geworden. Es gab wahnsinnig viele Anfragen. Früher waren das viel weniger, so dass ich das nebenher gemacht habe. Das würde ich jetzt gar nicht mehr schaffen. Deswegen haben wir die Aufgaben anders verteilt. Perfekter als bei mir geht es ja eh nicht – mit dem eigenen Mann als Manager. Er kümmert sich um alles, nimmt mir eine Menge Arbeit ab, damit ich mich voll auf das Training und die Rennen konzentrieren kann. Das hat aber auch zur Folge, dass sich mancher offenbar vor den Kopf gestoßen fühlt, weil er nicht mehr so einfach an mich rankommt. Aber das ist ja nichts Persönliches.
Das war und ist ungewöhnlich für eine Skifahrerin. Daran mussten sich einige sicher erst gewöhnen . . .
Und dem einen oder anderen hat es halt nicht so gepasst. Das liegt vielleicht auch daran, dass so etwas im Alpin-Bereich in Deutschland noch nicht da war. Aber für mich ist das mediale und öffentliche Interesse einfach viel größer geworden. Sicher auch durch die Hochzeit mit Marcus, der durch seine Arbeit mit Franz Beckenbauer ja auch eine Person des öffentlichen Lebens ist. Diese Konstellation hat vielleicht auch ein bisschen Neid erzeugt.
Wie gehen Sie damit um?
Natürlich ärgert einen das eine oder andere. Aber insgesamt habe ich versucht, es so gut wie’s geht an mir abprallen zu lassen. Die Leute, die es ehrlich mit mir meinen und die wirklich hinter mir stehen – da weiß ich, welche das sind –, die verstehen das auch. Und den anderen kam es vielleicht ganz recht, dass das eine oder andere Rennen nicht so ganz gelaufen ist. Da haben sie die Gelegenheit gleich beim Schopfe gepackt, um mir ordentlich eine mitzugeben. Mit Kritik an meiner sportlichen Leistung habe ich überhaupt kein Problem. Der muss ich mich stellen. Das ist ganz klar. Aber wenn es um persönliche Dinge geht, ist es ein bisschen unangenehm.
Am Montag waren Sie mal wieder weniger als Sportlerin in den Medien. Auf der Ispo haben Sie die Marke „Maria“ präsentiert. Es gibt von ihren Partnern künftig verschiedene Produkte, die sie mitentworfen haben. Wie wichtig ist das für Sie, sich jetzt schon mit der Karriere nach der Karriere zu beschäftigen?
Sehr. Und das mit meiner Marke ist ein wichtiger Schritt gewesen. Ich habe schon immer gesagt, dass mich Mode und Design interessieren. Durch die enge Kooperation mit Bogner zum Beispiel konnte ich mich wirklich selber mit einbringen. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Die Belastungen als Leistungssportler sind sehr groß. Wie groß ist die Gefahr, dass Sie diese Projekte ablenken vom eigentlich Wesentlichen, dem Skifahren?
Ich glaube, es ist sogar ganz wichtig, dass man ab und zu auch mal was anderes macht. Dass man sich eben nicht nur mit Sport beschäftigt. Für mich ist das auch kein Stress, sondern Ablenkung und Entspannung vom Sportleralltag. Es ist alles immer so geplant, dass kein Training darunter leidet oder ausfallen muss. Die Termine sind an meinen freien Tagen, und deswegen beeinflusst das das Sportliche überhaupt nicht.
Dennoch läuft es heuer sportlich nicht so rund. Ihr Cheftrainer Thomas Stauffer hat gesagt: Grundsätzlich passt es bei Maria. Es fehlen nur immer wieder kleine Puzzleteilchen und stören das Gesamtbild. Hat er recht?
Ja, das hab ich ja auch immer versucht zu erklären. Im Vergleich zu letzter Saison ist es schon ein bisschen schwächer. Aber wenn man es mit den drei Wintern davor vergleicht, die ja nicht schlecht waren, dann ist es eigentlich durchschnittlich gut. Es kann nicht jede Saison so perfekt laufen wie die letzte. Das war eine außergewöhnliche Saison, von Anfang bis Ende super. Wenn ich sehe, wie Lindsey Vonn drauf ist, wie schwer sie zu schlagen ist und wie viele Punkte sie schon hat, dann bin ich froh und dankbar und auch stolz, dass es mir letztes Jahr gelungen ist, sie zu schlagen. Ich glaube, das wird so schnell keiner wieder schaffen.
2009 sind Sie Slalom-Weltmeisterin geworden. 2010 haben Sie zwei Olympische Goldmedaillen gewonnen und 2011 den Gesamt-Weltcup. Sie haben selber gesagt, dass das mental viel Kraft gekostet hat. Sind Sie ausgebrannt?
Überhaupt nicht, aber es hat eine Menge Kraft gekostet, nicht nur mental. Ich bin nach wie vor motiviert. Das habe ich auch im Sommer immer gesagt, wenn die Frage kam: Jetzt hast Du alles erreicht, und wo kommt die Motivation her? Meine Motivation ist einfach der Spaß am Skifahren und natürlich auch der Wille, da oben zu stehen. Es ist so ein tolles Gefühl, aufs Podest zu steigen, am liebsten auf die oberste Stufe, und dann die deutsche Hymne zu hören. Das kann ich gar nicht oft genug erleben.
Aber was treibt Sie an?
Das ist für andere vielleicht schwer zu erklären. Ich habe alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Dadurch ist jetzt der Druck ein bisschen weg, und ich kann das Ganze vielleicht noch mehr genießen und noch mehr Spaß dabei haben. Was nicht heißt, dass mir der Ehrgeiz oder die Motivation fehlen. Und was nicht heißt, dass, wenn ich 24. werde, mich das nicht wahnsinnig aufregt.
Also ist es eine Übergangs-Saison, und der Fokus liegt auf den kommenden Jahren mit der WM in Schladming 2013 und Olympischen Spielen in Sotschi 2014?
Wichtig ist, dass ich vom Frühjahr an alles gut hinbekomme. Ich habe schon zwei Wochen im März, April eingeplant zum Ski-Testen. Es gibt Materialumstellungen und neue Regeln für die Speed- und Riesenslalom-Skier. Die möchte ich gleich nach Saisonende ausprobieren. Ich werde alles, was ich beeinflussen kann und was in meiner Macht steht, tun und planen, damit einer erfolgreichen WM-Saison 2013 nichts im Weg steht.
Interview: Alexander Schwer
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