Stefan Aigner vom TSV 1860 München im Interview

Aigner im Interview: „Was wir für einen Mist gespielt haben . . .“

209.03.10|TSV 1860|13 Kommentare
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München – Ein Liebling der Nordkurve war Stefan Aigner von Anfang an. Im Interview spricht der Löwe über verpasste Chancen, seinen dunkelblauen Papa und das Gefühl, den Löwen noch etwas zu schulden.

© dpa

Ein Mann startet durch: Aigner ist inzwischen bester Löwen-Torschütze, Antreiber und eine wichtige Stütze für Trainer Lienen.

Mit sieben Treffern ist der Ur-Giesinger Stefan Aigner seit seinem Doppelpack am Sonntag auch noch erfolgreichster Torschütze des TSV 1860. Zwei Gründe führt Stefan Aigner als Ursache für seinen Aufstieg an. Erstens: „Ich hab jetzt eine bessere Ausdauer; seitdem gehe ich jedes Mal mit in den Sechzehner.“ Der zweite Grund sind vier Namen: Robert und Ludwig Burgmayr, der Weigl-Ronny und Ludwig Wagner, genannt „Edelfan“. Die vier Burschen sind Aigners engste Freunde, zugleich seine schärfsten Kritiker und natürlich allesamt glühende „Sechzger“. Schon alleine, um sich nicht ihrem Spott aussetzen zu müssen, gibt der 22-Jährige Woche für Woche Vollgas. Ein Gespräch mit dem Dauerläufer im rechten Löwen-Mittelfeld.

Herr Aigner, nach dem 1:3 in Paderborn hatten Ihre Spezln mit dem Hinweis protestiert: „Ihr spielt einen Schmarrn, dass es nicht zum Aushalten ist.“ Waren die Kommentare nach der Energieleistung beim 2:1 gegen St. Pauli gnädiger?

Die sind natürlich gleich da g’hockt, als ich nach dem Spiel zu meinen Eltern nach Lochham rausgefahren bin. Natürlich haben sie mich sehr gelobt, aber nächste Woche, wenn’s wieder anders laufen sollte, dann gibt’s wieder einen auf den Kopf.

Haben Sie Ihren Spezln nicht – wie am Sonntag der Presse – klar gemacht, dass der Mannschaft „zu viel Lob nicht gut tut“?

(Schmunzelt) Ich denke, bei Freunden ist das was anderes. Da flachst schon mal einer: „Das zweite Tor hätt’ ich auch gemacht.“ Und dann lacht man drüber. Aber wenn’s von Seiten der Presse oder vom Trainerteam heißt: „Super gespielt!“ Dann macht man vielleicht beim nächsten Mal einen Schritt weniger, und das darf einfach nicht sein.

Reißt man sich eher zusammen, wenn am Tag danach blöde Sprüche drohen? Oder anders gefragt: Fehlen auswärtigen Mitspielern, die nicht so im Sechzger-Umfeld verwurzelt sind, womöglich diese direkten Rückmeldungen?

Das kann schon sein. Nach dem 1:3 in Paderborn hab ich mir einiges anhören müssen. Von den Freunden, aber auch von den Eltern. Meine Mama nimmt mich eher mal in Schutz, aber mein Vater ist ein Dunkelblauer . . . Wenn der sauer ist nach ’nem Spiel, dann ist es besser, ich fahr’ gar nicht erst zu ihnen raus. Solche Auftritte sollte man sich nicht oft erlauben.

Sie werden ja gerne als Fußball spielender Löwen-Fan bezeichnet. Ein Klischee, weil Sie aus Giesing stammen und alle Jugendteams durchlaufen haben? Oder ist es tatsächlich so, dass 1860 für Sie mehr ist als ein Arbeitgeber?

Nein, das trifft’s schon. Ich bin seit den Bambinis ein Blauer und ich bin mit 18 nur nach Burghausen, weil ich dort bessere Perspektiven gesehen habe. Die Zeit danach in Bielefeld war zwar ’ne wertvolle Erfahrung, aber ich bin froh, dass ich wieder hier bin. Freunde, Familie – das ist mir schon sehr wichtig.

Wie wichtig ist das Verhältnis zu Trainern? Und wie ist speziell das zu Ewald Lienen, der Sie nach einer Reihe von Unbeherrschtheiten in der Vorrunde als „uncoachbar“ bezeichnet hatte?

Wir hatten von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis. Selbst nach meinen beiden Platzverweisen hab ich immer gleich wieder gespielt. Ich hoffe, dass ich mit meinen Toren ein bisschen was zurückgeben konnte. Ich bin halt ein Spieler, den man schnell auf die Palme bringt. Wenn wir Zweikämpfe trainieren und der Trainer lässt nach einem Foul absichtlich weiterlaufen, bin ich halt schnell auf 180. So bin ich, aber ich hab’s schon ein bisschen abgestellt.

Die Fans wollen aber genau diese Leidenschaft sehen. Nach Ihrer Roten Karte im Hinspiel gegen Paderborn gab es „Stefan Aigner“-Sprechchöre.

Echt? Das hab ich gar nicht mitgekriegt. Aber klar: Die Fans wollen halt sehen, dass man sich den A . . . aufreißt.

Der Trainer auch. Nach dem Spiel gegen St. Pauli meinte er, dass 1860 kein Qualitäts- sondern ein Mentalitätsproblem hat.

Was soll ich als junger Spieler dazu sagen? Ich denke, jeder muss selber wissen, dass er in jedem Spiel Gas zu geben hat. Wer das nicht macht, ist kein richtiger Profi. Dass wir am Sonntag 85 Minuten zu zehnt gespielt und trotzdem gewonnen haben, war aus meiner Sicht eine Einstellungssache.

Nach dem Gesetz der Serie müsste es jetzt in Duisburg wieder einen Dämpfer geben.

Bloß nicht. Aber ich hab mich auch schon gefragt, warum sich bei uns immer Siege und Niederlagen abwechseln.

Denken Sie manchmal daran, was mit ein bisschen mehr Konstanz möglich gewesen wäre?

Mit Sicherheit. Wenn man mal schaut, was wir für Spiele vergeigt haben: Ob das jetzt die Heimniederlagen gegen Lautern und Ahlen waren oder Paderborn auswärts . . . Mit neun Punkten mehr wärst du jetzt voll dabei! Gegner wie Ahlen oder auch Frankfurt musst du halt schlagen, wenn du aufsteigen willst.

Und so: Ist es für Sie ein verlorenes Jahr?

Mit Sicherheit ist es irgendwo ein verlorenes Jahr. Du stehst jetzt im Mittelfeld, nach oben ist nichts mehr drin, nach unten wird kaum noch was anbrennen. Als ich am Sonntag mit dem Sascha Rösler auf der Auswechselbank saß, hab ich zu ihm gesagt: „Was wir für einen Mist gespielt haben in letzter Zeit – und trotzdem ist das Stadion halb voll . . .“ Das ist unglaublich, aber da sieht man mal, was für ein Potenzial im Verein steckt.

Glauben Sie, dass es im Sommer erneut einen großen Schnitt gibt?

Ich denke, der Miki Stevic ist erfahren genug, dass er nicht wieder alles umkrempelt. Aus meiner Sicht haben wir eine super Mannschaft – von hinten bis vorne. Wir haben uns jetzt gefunden und mit einem besseren Start sollten wir nächstes Jahr gute Chancen haben, vorne mitzuspielen.

Sie denken, es müssen keine Spieler dazugeholt werden?

Aus meiner Sicht haben wir genug gute Spieler und auch genügend Führungsspieler. Der Sascha ist aus meiner Sicht ganz stark geworden und super wichtig – gerade für uns Mittelfeldspieler, weil er vorne die Bälle behauptet und weiterleitet. Und auch der Benny Lauth hat extrem hohe Qualitäten. Jeder sagt: Was ist los mit dem Benny, warum läuft’s nicht? Aber jeder hat mal solche Phasen. Wenn er von uns keine Vorlagen kriegt oder wir die Bälle nur nach vorn bolzen wie am Anfang, ist es für jeden Stürmer schwer, Tore zu machen.

Für die Sportliche Leitung zählen auch Sie trotz Ihres jungen Alters zu den wichtigen Stützen, man will Sie offenbar langfristig halten. Ist der Verein schon auf Sie und Ihren Berater zugekommen?

Der Miki wollte in nächster Zeit mit uns sprechen, aber ich mach’ mir da keinen Stress. Mein Vertrag läuft noch bis 2011, und ich interessiere mich überhaupt nicht für andere Vereine. Wir stehen auf dem 9. Tabellenplatz, da wäre es schon sehr frech, den Verein zu verlassen.

Sie meinen, Sie stehen beim Verein in der Schuld?

Ja, so sehe ich das. Aber wie gesagt: Ich kümmere mich da überhaupt nicht drum. Das macht, wenn überhaupt, mein Berater, und der ist froh, wenn ich hier spiele und er nicht rumreisen muss. Wenn alles stimmt, unterschreibe ich gerne auch für fünf Jahre.

Das Interview führte Uli Kellner

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