München/Belek - Necat Aygün ist mit den Löwen gerade auf "Heimaturlaub" in der Türkei. Im Trainingslager-Interview spricht er über seine Liebe zu den Blauen und die Zeit unter Christoph Daum.

© sampics
Necat Aygün würde gerne bei den Löwen verlängern.
Verletzungen pflastern seinen Weg. So eindrucksvoll, dass ein Sportmagazin Necat Aygün (31) wegen seiner Platten im Schädel sogar zum „Titan der 2. Liga“ kürte. Im Interview spricht er über seine Liebe zu den "Blauen".„Freut mich“, sagt Aygün - und muss grinsen. Dass er immer wieder auf seine 70 (!) Verletzungen reduziert wird, stört ihn längst nicht mehr. Der 1860-Abwehrchef hat viel mehr zu erzählen als seine Krankengeschichte. Sofern man ihn danach fragt. Das große tz-Trainingslager-Interview.
Necat, weckt so ein Trip in die Türkei Heimatgefühle?
Necat Aygün: Heimat? Nein. Ich kann zwar die Sprache und natürlich ist es immer wieder schön, in das Land zu kommen, wo meine Wurzeln liegen (Aygüns Eltern stammen aus Istanbul, d. Red.). Aber heimisch fühle ich mich in München. Da bin ich geboren und aufgewachsen. Da gehöre ich hin.
Sie haben einiges erlebt in Ihrer Karriere. Können wir die Stationen mal durchgehen?
Aygün: Kein Problem. Wo fangen wir an?
Am besten in der Urzeit. Wacker München.
Aygün (grinst): Okaaay. Da hab ich gespielt, bis ich zwölf war. Ich war auch in der Münchner Auswahl, und da hat mich ein Scout von Sechzig angesprochen. 1992 war das. Und am Anfang hab ich schon ganz schön geschaut. Der Platz bei Sechzig war ja eine einzige Hügellandschaft! Und in der Kabine gab’s nicht mal Kleiderhaken. Bis unter Wildmoser/Lorant der Aufschwung kam.
Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Aygün: Ich war Balljunge im Grünwalder und hab nach einem Spiel mal einen Stutzen von Armin Störzenhofecker ergattert, den hab ich heute noch (lacht)! Die Zeit damals war einfach nur großartig, diese Euphorie! Das hat den Wunsch in mir entflammt, auch mal mit 1860 auf dem Rathausbalkon stehen zu dürfen.
Umso schwerer muss Ihnen der Abschied von den Löwen gefallen sein...
Aygün: Ja, ich bin 2001 als aktueller U-21-Nationalspieler unter Werner Lorant bei den Profis nicht drangekommen und hab mich zu Besiktas Istanbul ausleihen lassen, zu Christoph Daum, der damals gerade den Skandal hinter sich hatte. Besiktas war in der Türkei immer schon mein Lieblingsklub, und ich hab in dem Jahr dort unheimlich viel gelernt.
Zum Beispiel?
Aygün: Dass mich so leicht nichts mehr erschüttern kann. Wir sind teilweise in Undercover-Bussen zu den Auswärtsspielen gefahren und haben in Diyabarkir an der syrischen Grenze in einem Hotel mit gepanzerten Scheiben übernachtet. Was da abging mit den Fans - nicht zu glauben.
Und wie war’s mit Daum?
Nach Ihrer Rückkehr zu 1860 waren Sie bald wieder weg...
Aygün: Es hat mir wehgetan, dass ich 2002 unter Peter Pacult wieder keine Chance bekommen habe. Ich hatte auch eine Anfrage von Rangnick aus Hannover, Zweite Liga damals, aber ich wollte in München bleiben. Also bin ich Anfang 2003 nach Haching - und prompt in die Zweite Liga aufgestiegen (wo Aygün 2005 als „Maskenmann“ beim 4:1 gegen 1860 in der Arena zwei Tore schoss, d. Red.)
Die nächste Station hieß Duisburg. Erste Liga.
Aygün: Die haben 2006 im Januar 700 000 Euro Ablöse für mich hingelegt. Im Nachhinein hätte ich auf meinen Bauch hören und in Haching bleiben sollen. Aber immerhin hab ich Daniel Halfar zum jüngsten Doppelpack-Schützen der Bundesliga-Geschichte gemacht. Gleich im ersten Spiel für Duisburg hab ich ihm unfreiwillig zwei Tore vorgelegt. Dafür ist er mir bis heute was schuldig (lacht).
Über Ingolstadt und Sandhausen ging’s im Sommer 2010 wieder zurück zu 1860, schon nach einer Saison galten Sie als unersetzlich. Jetzt mehr denn je. Eine späte Genugtuung?
Aygün: Vor allem ist es schade. Wenn’s nach mir gegangen wäre, dann wäre ich nie weggegangen von 60. Mein Herz schlägt blau.
Haben Sie bei all Ihren Verletzungen nie ans Aufhören gedacht?
Aygün: Nach Ingolstadt, als ich im zweiten Halbjahr 2009 vereinslos war, da stand der Gedanke mal im Raum. Aber als meine Frau Patricia dann mit unserem Sohn schwanger wurde, im Frühjahr 2010, da kam der Wunsch bei mir auf, dass ich Lias mal auf dem Arm durchs Stadion tragen will. Als Spieler. Jetzt ist er 14 Monate alt, und ich will, dass er mich bewusst noch spielen sieht.
Woher kommt der Name Lias?
Aygün: Aus dem Hebräischen. Er bedeutet „von Gott auserwählter Sohn des Glücks“. Hoffentlich hat Lias mal mehr Glück als ich mit meinen Verletzungen.
Als stiller Teilhaber von zwei Münchner Gatronomiebetrieben haben Sie sich bereits ein zweites Standbein aufgebaut.
Aygün: Ja, und ich weiß auch, dass es schlimmere Sachen gibt als eine Verletzung als Fußballer. Dieser Job ist ein Privileg. Dass ich dazu gekommen bin, habe ich meiner Mutter zu verdanken.
Ungewöhnlich. Meistens sind’s die Väter...
Aygün: Mein Vater hatte eine Kneipe und hat vor allem nachts gearbeitet und tagsüber geschlafen. Meine Mutter hat mich zum Training gebracht, die Klamotten gewaschen. Wenn’s nix geworden wäre mit dem Fußball, dann wäre ich wohl in der Kneipe von meinem Vater gelandet.
Sie werden im nächsten Monat 32, im Sommer läuft Ihr Vertrag aus. Wie geht’s weiter?
Aygün: Mal schauen. Ich bin die kleinste Hürde, was eine Verlängerung angeht. Wenn ich gesund bleibe und weiter so lebe, dann denke ich, dass ich bis 36 auf dem Niveau spielen kann - auch eine Klasse höher (grinst). Ich habe Vertrauen in unsere sportliche Führung, die werden schon das Richtige machen.
Interview: lk



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