FC Bayern: Sportdirektor Christian Nerlinger im Interview

"Bayern ist keine Wohlfühl-Oase"

427.07.10|FC Bayern|36 KommentareFacebook
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München - Sportdirektor Christian Nerlinger spricht im zweiten Teil des großen tz-Interviews über die Zusammenarbeit mit Trainer van Gaal, die Bayern-Philosophie und seinen Spieler der Saison.

© Getty

Sportdirektor Christian Nerlinger.

Die zwei stehen für eine neue Zeit in München: Christian Nerlinger und Louis van Gaal. Letztes Jahr nahmen sie zusammen auf der Bayern-Bank Platz, nach anfänglichen Problemen beeindruckte der Meister schließlich mit taktisch perfektem Offensiv-Fußball. Wie es weitergeht, verrät der Sportdirektor im tz-Interview.

Herr Nerlinger, sind Sie, ist der FC Bayern gerade dabei, eine große Ära einzuläuten?

Nerlinger: Man muss mit solchen Begriffen immer vorsichtig sein. Ich glaube, mit van Gaal ist die wichtigste Stelle in der sportlichen Leitung top besetzt. Wenn man sieht, wie intensiv, akribisch er arbeitet, auch mit Spielern der zweiten Mannschaft – unglaublich. Deswegen bin ich überzeugt, dass wir den richtigen Mann haben, der eine Mannschaft auf ein gewisses Niveau bringen kann. Personell finde ich auch, dass sich Charaktere ent­wickeln, auf die wir langfristig bauen können. Wir haben gute Voraussetzungen, kontinuierlich erfolgreich sein zu können. Und das ist die Definition einer Ära. Das traue ich uns zu.

Die 16 Grundsätze des FC Bayern 

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Machen Sie sich keine Sorgen, dass van Gaal im Sommer 2011 sagt: „Ich geh jetzt“.

Nerlinger: Ich habe da gar keine Sorge. Dass er mal Nationaltrainer werden will, steht ihm auch zu, weil man doch eine andere Lebensqualität hat, wenn man es mit dem Tagesgeschäft hier vergleicht. Aber wann das sein wird, ist noch nicht entschieden. Ich bin da ganz guten Mutes, dass er bleibt, wenn es weiter so läuft. Und München ist ja auch eine Stadt, in der man sich wohlfühlen kann.

Geben Sie uns einen Einblick in Ihre Zusammenarbeit. Wie sprechen Sie sich ab – gerade bei Transfers?

Nerlinger: Das Wichtigste ist zunächst mal die Analyse: Wie sieht der Istzustand der Mannschaft aus? Wo müssen wir aktiv werden? Da werden die Voraussetzungen geschaffen. Wenn man ein Strukturproblem hat, muss man es sehr teuer bezahlen. Mal kommt von ihm ein Zuruf, häufig aber von unserer Scouting-Abteilung, mit der ich eng zusammenarbeite und die den Markt weltweit in- und auswendig kennt. Dieses Jahr werden wir nicht aktiv – ein Beweis dafür, dass wir eine intakte Truppe haben.

Sie sagen auch, Ihr Job ist es, dafür zu sorgen, dass Dinge funktionieren. Sind Sie für die Harmonie im Klub zuständig?

Nerlinger: Harmonie ist nicht das richtige Wort, wir sind ja keine Wohlfühl-Oase. Der FC Bayern ist eine absolute Leistungsgesellschaft. Aber ich bin natürlich der, der mit der Mannschaft reist, viel mit dem Trainer in Kontakt ist und der auf der anderen Seite auch die Verbindung zum Vorstand und dem Präsidenten bildet. Da geht es auch viel um Kommunikation.

Wie schwer fällt es Ihnen, Spielern mitteilen zu müssen, dass sie kein Teil dieser Zukunft sind?

Nerlinger: Wichtig ist Geradlinigkeit und Offenheit. Eiertänze sind immer schwierig. Du kannst einen Spieler nicht loben und ihm die goldene Zukunft versprechen, wenn er sie nicht hat. Man muss den Spielern schon einen Wink geben, denn unzufriedene Spieler sorgen oft genug für Unruhe.

Der van- Gaal-Fußball soll auf alle Junioren-Teams des FC Bayern übertragen werden. Findet bei Ihnen gerade eine Revolution statt?

Nerlinger: Man darf Dinge nicht blind an einen Cheftrainer koppeln. Man muss davon selber auch überzeugt sein. Wir arbeiten in der Jugend eine eigene Identität heraus – der größte Fehler wäre es doch, wenn jetzt ein Trainer auf van Gaal folgt, der dann wieder mit Medizinbällen Treppenläufe machen lässt, und in der Jugend angefangen wird, alles umzukrempeln. Aber für den FC Bayern ist es wichtig, eine Philosophie zu entwickeln, die auch nach der Ära van Gaal einigermaßen in die aktuelle Richtung geht. Das ist möglich, das schafft Barcelona auch. Eines muss man aber auch sagen: Wir können mit dem Ergebnis der Jugendarbeit im letzten Jahr nicht zufrieden sein. Es ist kein Argument, dass die individuelle Ausbildung im Vordergrund steht und man dafür Zehnter wird. Bei Bayern muss ich beides schaffen!

Einer, der es geschafft hat und nun zurück kommt, ist Toni Kroos. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Nerlinger: Sehr gut. Er kann die zentrale Position spielen, er kann außen spielen wie in Leverkusen – und er wird in jedem Fall ein großer Gewinn für uns, weil er eine fußballerische Qualität hat, die es wohl nicht so häufig gibt. Zudem ist er mit 20 Jahren mental sehr stark. Ich finde, dass es ein super Ausleihgeschäft war, von dem wir sehr profitieren, der Spieler ebenso. Und Leverkusen letztlich auch.

Rekordtransfers des FC Bayern

Wer war bei Bayern Ihr Spieler der letzten Saison?

Nerlinger: Das kann ich nicht sagen, man würde den anderen unwahrscheinlich unrecht tun. Es war eine Mannschaftsleistung. Es wäre nicht gut, wenn man da Einzelne heraushebt.

Einigen wir uns darauf, dass Schweinsteiger den größten Entwicklungssprung gemacht hat?

Nerlinger: Glaube ich schon. Ich habe zu einem sehr frühen Zeitpunkt gesagt, dass er für mich der Beste in Europa ist, da wurde ich noch ein wenig belächelt. Aber er hat noch mal einen draufgesetzt und ist eine absolute Führungspersönlichkeit geworden. Das freut mich sehr für ihn, weil ich ihn schon immer sehr geschätzt habe und er Jahre lang einer der Spieler gewesen ist, die doch sehr kritisiert wurden.

Ist er jetzt schon weltklasse wie Iniesta und Xavi?

Nerlinger: Ja, denke ich schon. Er hat vielleicht nicht diese Gewandtheit und Leichtfüßigkeit, aber dafür eine unglaubliche Robustheit. Im Defensivverhalten verliert er keinen Zweikampf.

Mario Gomez ist nicht gesetzt. Hoeneß sagt, er muss die Eiger Nordwand erklimmen. Bekommt er von Ihnen Steigeisen?

Nerlinger: Er bekommt von uns jede Unterstützung. Aber letztlich, auf dem Platz, kann nur er selbst für sich arbeiten.

Ist es seine letzte Chance bei Bayern?

Nerlinger: Es ist klar, dass er seine Chance jetzt nutzen, einen Neuanfang machen muss, nachdem er nach seinem Faserriss einfach den Weg nicht mehr zurück gefunden hat, auch weil Ivica Olic eine sehr gute Saison gespielt hat. Aber letzte Chance ist mir zu dramatisch.

Interview: Michael Knippenkötter

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