München – Ciriaco Sforza gewann 2001 mit dem FC Bayern die Königsklasse. Der Schweizer, der heute Grashoppers Zürich trainiert, analysiert im Interview mit dem Münchner Merkur das Champions-League-Duell.

© Getty
Ciriaco Sforza, 41, gewann 2001 mit dem FC Bayern die Champions League.
Herr Sforza, FC Basel gegen FC Bayern – wer hat denn die besseren Karten? Die Münchner haben ein blamables 0:0 beim Tabellenletzten Freiburg als Generalprobe hingelegt . . .
Ach, die Ergebnisse vom Wochenende würde ich vor diesem Spiel gar nicht so ernst nehmen. Fakt ist: Der FC Bayern will ins Endspiel, das heuer ja im eigenen Stadion stattfindet. Basel lebt gerade von der Euphorie, Manchester ausgeschaltet zu haben. Aber im Münchner Team steckt im Vergleich doch am Ende viel mehr Qualität – zumindest vom Papier her . . .
. . . Sie sagen es: Vom Papier her . . .
Ja, aber ich bin mir sicher, dass die Bayern in Basel doch wieder ganz anders auftreten werden. Aber sie sollten schon auch gewarnt sein: Sie treffen auf einen Gegner, der frech spielt und eine sehr gute Harmonie im Team hat. Basels großes Plus ist das Gesamtklima. Vor allem zuhause: Das Stadion, die Fans, das sorgt immer für einen Schub. Sie haben Xherdan Shaqiri, der immer eine Lösung hat, vorne spielen in Marco Streller und Alexander Frei zwei Stürmer, die wissen, wo das Tor steht. Dazu gewinnt der FC Basel auch Spiele, in denen es eigentlich gar nicht so läuft. Sie glauben immer an ihre Chance, 90 Minuten und länger. Gegen Manchester United haben sie nach einer schlechten ersten Halbzeit urplötzlich aufgedreht. Und das Ergebnis ist ja bekannt.
Glauben Sie, dass die Bayern nervlich etwas angeschlagen anreisen?
Ich denke schon. Das ist auch okay. Am Ende sorgt das ja auch dafür, dass man Spiel und Gegner ernst nimmt.
Trainer Heiko Vogel sagt, der FC Basel sei der FC Bayern der Schweiz. Kommt da Einspruch vom Trainer der Grashoppers?
Nein. Denn das ist die absolute Wahrheit. Heiko hat da völlig Recht. Wir hatten die letzten Jahre finanzielle Probleme und gehen seit einiger Zeit den Weg, uns mit jungen Schweizer Talenten zu stabilisieren. Basel hat finanziell und sportlich ganz andere Möglichkeiten. Wir brauchen Zeit, Geduld und Energie, wir können uns derzeit nicht mit dem FC Basel vergleichen. Der FC Basel ist ganz klar der FC Bayern der Schweiz.
Vogel sagt auch, der Schweizer Fußball sei raffinierter als der deutsche. Wie stufen Sie den Fußball Ihrer Heimat ein?
Der Schweizer Fußball entwickelt sich enorm. Das wird gerne unterschätzt, aber Sie müssen doch jetzt nur Lucien Favre in der Bundesliga beobachten. Er ist eine Trainer-Figur, die die Saison mitprägt. Von den Strukturen her kann die Schweiz natürlich nicht mit Deutschland mithalten. Aber gerade in Sachen Taktik ist man auf höchstem Niveau.
Wo würden Basel und Grashoppers ungefähr in der Bundesliga stehen?
Sie haben gerade Favre erwähnt. Auf Gladbachs Coach haben die Bayern-Bosse ein Auge geworfen – können Sie ihn sich als Trainer in München vorstellen?
Absolut, ja. Er ist ein Trainer, der den Fußball liest wie kaum ein anderer. Seine Handschrift merkt man jedem seiner Teams an, und das sehr schnell, das ist sensationell. Wie er Fußball analysiert, interpretiert und spielen lässt – also, da gibt es in meinen Augen nicht wirklich viele Trainer in Deutschland, die das genauso können. Er kann Bayern gut zu Gesicht stehen.
Xherdan Shaqiri wird im Sommer ein Münchner. Setzt er sich durch?
Ich traue es ihm absolut zu. Er ist frech, er ist ein Straßenfußballer – er muss sich nur bewusst sein, dass er in eine völlig neue Welt hineingerät. Bei Bayern hast du jeden Tag Druck, damit musst du klarkommen. Aber die Qualität dazu hat er, ohne Frage.
Sie selbst haben zwei Mal für Bayern gespielt: 1995/96, dann noch einmal von 2000 bis 2002. Was muss man mitbringen, um in München zu bestehen?
Fußballerisch hast du es in der Regel drauf, sonst würden die Bayern dich ja nicht holen. Es ist vor allem eine Frage des Kopfes: Um dich herum sind nur noch Nationalspieler, und jeder im Klub will immer nur das Maximum. Du musst von dir überzeugt sein, dass du mithalten kannst.
Wie lauten Ihre Favoriten in der aktuellen Champions-League-Saison?
Barcelona, Real Madrid, Bayern – und der AC Milan kann eine Überraschung schaffen.
Und der FC Bayern steht trotz seines schlechten Starts in das Jahr 2012 noch auf Ihrer Liste?
Ja. Die Mannschaft hat doch Qualität, die können doch eigentlich alles! Die müssen das nur wieder abrufen. Manchmal braucht man ein Erweckungserlebnis, ich sehe das immer wieder bei meinem jungen Team: Die kriegen mal ein Gegentor, plötzlich lassen sie die Köpfe hängen – dabei wären sie eigentlich zuvor top drauf gewesen. So etwas kann auch gestandenen Spielern passieren. Nur muss man das halt wieder in Griff bekommen. Und beim FC Bayern hast du oft wenig Zeit.
Wie sieht Ihre Zukunft aus – wird man Ciriaco Sforza denn mal als Trainer in der Bundesliga sehen?
Ich arbeite jetzt das sechste Jahr hier als Trainer. Zwei Jahre Luzern, nun Grashoppers. Wir haben eine Philosophie, wollen jung und dynamisch zum Erfolg, dazu einen gepflegten Fußball spielen. Es macht viel Spaß, ich habe bereits viel gelernt. Aber natürlich ist es mein Ziel, mal in der Bundesliga zu arbeiten. Ich bin jetzt absolut bereit dazu. Aber es muss alles passen.
Interview: Andreas Werner



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.