102.10.08|FC Bayern|22 Kommentare
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Jürgen Klinsmann hatte nicht damit gerechnet. Nach Zé Robertos fulminantem Kopfball-Ausgleich gegen Lyon drehte der Trainer jubelnd ab, die Augen weg vom Rasen.

© Sampics
Sieht aus wie beim Skispringen, ist aber nur Ze Roberto beim Torjubel.
Und fast hätten sich die Blicke des Brasilianers und des Einpeitschers an der Linie nicht gefunden. Kurz bevor der Torschütze seinen Sprint zur Auswechselbank beendet hatte, drehte sich Klinsi zu ihm und öffnete die Arme.
Umarmung, Jubeltraube um Klinsi – eine große Geste der Mannschaft für den Coach. Aber was ist sie wert? „Das war ein Zeichen. Bei uns stimmt es in der Mannschaft“, meinte Philipp Lahm. Ähnlich sah es der Manager. „Das war sicherlich ein Zeichen, dass alles okay ist“, glaubt Uli Hoeneß.
Alles okay? Klar, die zweite Halbzeit gegen Lyon macht Mut. Nicht unbedingt spielerisch, aber in puncto Moral und Kampf. Von einer Krise wollen die Verantwortlichen nichts mehr wissen. Aber auch nach dem 1:1 gegen Lyon gilt: Pulverfass FC Bayern!
„Eines durfte gegen Lyon auf keinen Fall passieren: Dass wir verlieren“, erklärte Hoeneß am Dienstagabend. Lächelnd und nach eigener Aussage „sehr zufrieden“. Der Manager wusste: Eine Niederlage wäre zum Genickschlag geworden – wegen der Ausgangsposition in der Gruppe, aber vor allem in Bezug auf Jürgen Klinsmanns Maßnahmen. Es brodelt, es raucht. Denn wie schon als Bundestrainer geht Klinsi strikt seinen Weg. Dabei scheut er keine Konflikte. Das wurde am Dienstag wieder deutlich.
Die größten Brandherde bei den Bayern:
Der Problem-Kapitän:Seine Reaktion war professionell. Nach der erneuten Demütigung auf der Bank trat Mark van Bommel Dienstagnacht vor die Medien-Vertreter. „Ich bin froh, dass wir unentschieden gespielt haben. Mehr möchte ich nicht sagen. Ich hoffe, ihr respektiert das.“ Punkt, Aus, Abgang. Der Holländer ist stinksauer. Erste Stimmen werden laut, dass es auch intern gescheppert haben soll – sogar über einen Weggang in der Winterpause wird spekuliert. Klinsmann will davon freilich nichts wissen: „Mark stellt sich der Situation. Er ist sich bewusst, dass sich die Mannschaft neu definiert.“ Aber Klinsi sagt auch Sätze, die für van Bommel wie Nadelstiche sein müssen. Beispiele: „Die Entscheidung, Martin Demichelis auf seiner Position spielen zu lassen, war rein sportlich.“ Oder: „Mark hatte zuletzt Probleme.“
Der Kapitän als Bankdrücker – ein echtes Problem. Vor allem, weil (Stammspieler) Philipp Lahm weiter auf das Amt schielt: „Ich habe immer gesagt, ich wäre gerne Kapitän geworden – und das will ich immer noch.“ Uli Hoeneß sieht keine persönlichen, sondern sportliche Probleme beim Bayern-Kapitän: „Offenbar hat der Mark nach Jürgens Meinung zuletzt schlecht gespielt.“ Die Autorität van Bommels sieht er jedoch nicht infrage gestellt, die Diskussion um ihn sei vielmehr „lächerlich: Es ist richtig, ihn als Kapitän zu belassen.“ Aber wie lang bleibt van Bommel als Ersatz ruhig?
Das Rotations-Roulette:Gegen Lyon wurde wieder fleißig durchgewechselt. „Wir müssen jetzt mehr Stabilität entwickeln“, sagt Klinsmann. „Das kommt durch eine Stammformation – die konnte sich aber noch nicht bilden, weil wir immer wieder neue Verletzte hatten.“ Und weil Klinsi eigenwillige Maßnahmen traf, wie gegen Hannover Zé Roberto und Lucio in München zu lassen. „Zé nicht mitzunehmen hat sich gegen Lyon bestätigt“, verteidigt Klinsi die Maßnahme. Die beiden Spieler selbst waren aber alles andere als erfreut – und hätten in Hannover sicher helfen können… Der Spagat zwischen Bundesliga und Königsklasse muss gelingen. „Ich glaube, Jürgen wird auf diese Mannschaft aufbauen und nicht mehr viel ändern“, glaubt Uli Hoeneß nach dem 1:1 gegen Lyon. Unruhe ist schon jetzt vorprogrammiert. Kommentar von Tim Borowski zu Klinsis Rotation: „Kein Kommentar.“ Auch bei Podolski brodelt es – und da wäre auch ja noch Klinsis umstrittenste Entscheidung: Der „falsche“ Demichelis: Der Gaucho spielt wieder dort, wo er auf keinen Fall hin möchte: Im defensiven Mittelfeld. Klinsi dachte lange über diese Option nach, weihte Demichelis aber erst vor dem Spiel gegen Lyon ein. „Im Moment ist es mit Sicherheit eine Variante, die wir weiterverfolgen werden – auch wenn wir wissen, dass Martin diese Position nicht mag“, erklärte Klinsi nach dem 1:1: „Für uns war die Maßnahme wichtig, um Stabilität ins defensive Mittelfeld zu bringen. Und Micho hat gesagt: Ich spiele die Rolle, wenn mich die Mannschaft dort braucht.“ Die Konsequenz: Wortlos verließ Demichelis am Dienstag die Arena – das hatte aber noch einen anderen Grund:
Der Latino-Streit:Es war die 70. Minute in der Allianz Arena: Nach einem Zuspiel von Lucio vertändelt Demichelis den Ball – daraufhin flippte Lucio aus. Der Brasilianer nahm sich den Kollegen unwirsch zur Brust, wurde gar handgreiflich. „Das sind zwei echte Leader. Wenn die sich harte Worte an den Kopf werfen, dann ist das okay. Sie haben das eben im Blut, das ist kein Problem“, meinte Klinsi nach dem Spiel. Hoeneß sah’s ähnlich: „Das Temperament ist mit ihnen durchgegangen. Das ist nicht so schlimm, besser als Totenstille.“ Also alles in Ordnung? Ganz und gar nicht! Demichelis ist über die Bloßstellung des eigenen Kollegen erzürnt, ja in der Ehre verletzt. Es herrscht Gesprächsbedarf: Schon am Mittwoch gab es eine erste Aussprache der Südamerikaner.
Fazit: Das 1:1 gegen Lyon verschafft Klinsmann etwas mehr Luft – Ruhe herrscht bei den Bayern aber noch lange nicht. Am Samstag muss sich das Team in der Liga beweisen, „da haben wir einiges zu korrigieren“, sagt Klinsi – damit keines der Pulverfässer explodiert…
ta, jj
Quelle: tz
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