Eigentlich redet Bayern-Legende Oliver Kahn nicht gerne über seinen Ex-Klub. Zu Beginn der vierteiligen tz-Interview-Reihe mit dem Titan macht er eine Ausnahme.

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Oliver Kahn genießt sein Leben nach dem Sport, ist aber immer noch ganz nah dran am FC Bayern
Herr Kahn, nach zwei Niederlagen aus drei Bundesligaspielen sagte Franz Beckenbauer, dass die Bayern nicht mehr der Favorit auf den Titel sei. Sehen Sie das auch so?
Kahn:Nein. Schauen Sie, die Bundesliga wäre sonst schon ein bisschen langweilig geworden, wenn der FC Bayern zu dominant wäre. Ich hatte das Gefühl, dass die anderen Vereine immer weiter abfallen und sah schon fast gar keinen wirklichen Konkurrenten mehr. Schalke scheitert ständig an seinen eigenen hausgemachten Problemen, dem HSV fehlt die Konstanz, Bremen schwächelt und Hertha ist eine Sondersituation.
Hoffenheim vielleicht?
Kahn:Das kann ich mir beim besten Willen noch nicht vorstellen. Das soll nicht respektlos klingen, aber das ist noch kein nachhaltiger Konkurrent für Bayern!
Aber kurzfristig schon?
Kahn:Das ist eine Phase. Aber wirklich eine Konkurrenz für Bayern? Das müssen sie erst noch beweisen. Aber dass sich die Bayern in dieser Saison nicht klarer vorne absetzen, wundert mich schon. Bei der Qualität, die in diesem Kader steckt.
Woran liegt’s?
Kahn:Bayern hat in den letzten vier Jahren dreimal das Double geholt. Dann ist es vielleicht unbewusst schon etwas schwierig, sich für den Alltag zu motivieren und man konzentriert sich primär auf die Champions League. International spielen sie mit viel mehr Zug. Aber vielleicht denken sie auch: Wir sind nur zwei Punkte zurück, wir werden eh Meister!
Woher kommt diese Einstellung?
Kahn:Das ist so. Wenn du auf drei Wettbewerben tanzt, denkst du: Ach, die Meisterschaft nehmen wir nebenher so mit. Das ist gefährlich, weil die anderen Vollgas geben. Aber wer von denen hat denn wirklich die Konstanz? Selbst wenn Bayern nur mit 80 Prozent spielen würde, müssten sie trotzdem Meister werden!
Bayern war in dieser Saison nicht ein einziges mal Tabellenführer...
Kahn:Solange es nur zwei Punkte Rückstand sind, ist es okay. Es darf aber nicht mehr werden! Sobald es mal vier, fünf sind, fängst du an nachzudenken. Dann wird es gefährlich. Denn dann läufst du Gefahr die Meisterschaft irgendwann innerlich abzuhaken.
Die Spieler sagen immer: Wir werden eh Meister. Arroganz oder Selbstbewusstsein?
Derzeit verlassen viele junge Talente den Verein. Zuletzt Toni Kroos. Hat Sie dieses Geschäft überrascht?
Kahn:Ja, absolut. Als Toni Kroos das erste Mal mittrainiert hat, da habe ich gedacht: Wow, das ist ja ein unglaubliches Potential! Aber man kann eben auch nicht in seinen Kopf reinschauen. Ich, aus der Distanz, schon mal gar nicht. Aber Bayern wird seinen Grund haben ihn erstmal gehen zu lassen.
Wie haben Sie ihn erlebt?
Kahn:Schauen Sie: Um Schweini habe ich mich oftmals gekümmert. Ich habe ihm stets meine Meinung gesagt, auch mal etwas heftiger – aber dann auch wieder freundschaftlicher. Die jungen Spieler müssen geführt werden. Aber das ist nicht alles: Sie müssen auch bereit sein, immer mehr zu machen, als die anderen. Und zwar immer wieder. Schweini zum Beispiel hat immer an seiner Schusstechnik gefeilt. Der hat ja nicht umsonst einen so guten Schuss.
Fehlt das anderen Spielern?
Kahn:Ein Beispiel: Carsten Jancker. Da habe ich zunächst gedacht: Ob das was wird? Und dann hat er ein Jahr lang nach jedem Training bei mir auf die Kiste geschossen, immer gearbeitet – und ist schlussendlich für uns ganz wichtig geworden.
Was denken Sie über die Arbeit von Jürgen Klinsmann?
Kahn:Das kann ich schwer beurteilen, ich sehe ihn ja nur ab und zu im Fernsehen. Ich bin ja kaum vor Ort.
War es nicht gefährlich, einen Trainer ohne Erfahrung zu verpflichten?
Kahn:Ich habe kürzlich von Unternehmensberatern den Satz gehört: „Erfahrung kann auch blockieren!“ Das gilt auch für den Fußball. Jetzt muss man sehen, wie es funktioniert.
Aber was ist, wenn er keinen Titel holt?
Kahn:Dann wird es bei Bayern immer eng.
Mario Volpe, Jan Janssen
Quelle: tz



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