Superbanner

Kretschmann will Länderfinanzausgleich abschaffen

Finanzausgleich: Kretschmann in der Kritik

Stuttgart - Der Graben zwischen den Ländern beim Finanzausgleich ist tief. Deshalb will der grüne Regierungschef Kretschmann jetzt den Bund ins Boot holen - und bekommt gleich eine Breitseite.

© dpa

Winfried Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland.

Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) plädiert für die Abschaffung des umstrittenen Länderfinanzausgleichs. In Stuttgart sagte der Grünen-Politiker, der Ausgleich sei “hochgradig reformbedürftig“. Seine Strukturen seien schwer zu durchblicken, und er biete keine Anreize zum Sparen. “Ich könnte mir vorstellen, dass wir - wie in anderen Bundesstaaten auch - den Finanzausgleich zwischen den Ländern gänzlich abschaffen und das alles überführen in ein System, in dem der Bund den Ausgleich macht.“

Erste Kritik erntete Kretschmann von der Mannheimer FDP-Bundestagsabgeordneten Birgit Reinemund. Die Vorsitzende des Bundestags-Finanzausschusses erklärte, die Länder müssten das Problem des Finanzausgleichs alleine lösen. Kretschmann versuche jetzt, “die Verantwortung von sich weg auf den Bund und in die ferne Zukunft zu verschieben“. Sinnvoller sei, sich auf die Seite der anderen Geberländer Hessen und Bayern zu stellen und Reformen einzufordern - notfalls auch mit einer Klage.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte am Samstag in der Zeitung “Die Welt“ eine Deckelung des Finanzausgleichs ins Gespräch gebracht. Zugleich sprach er sich dafür aus, chronische Schuldensünder zu Steuererhöhungen zu zwingen. “Was wir mit Schuldenstaaten auf europäischer Ebene machen, kann ja für den Länderfinanzausgleich nicht falsch sein. Ich halte das für diskussionswürdig“.

Wer in welchem Bundesland regiert

zurück

vor

Kretschmann schlägt nun vor, dass die Länder dem Bund einen Teil aus den Gemeinschaftssteuern abgeben. Das Geld könnte dann in eine Art Ausgleichszahlung fließen. Nach dem bisherigen Modell hätten ärmere Länder keinen Anlass, sich anzustrengen. “Wenn man ein Ausgleichssystem macht, das sich nach besonderen Bedarfen richtet, ist es viel sinnhafter“, sagte der Ministerpräsident. Zum Beispiel müsse Berlin als Bundeshauptstadt in besonderer Weise finanziell unterstützt werden.

Den jetzigen Finanzausgleich sieht Kretschmann zudem als “Einfallstor für populistische Neiddebatten“. Es werde immer gesagt, bestimmte Nehmerländer leisteten sich Dinge, die sich Geberländer nicht leisten - wie etwa die Abschaffung der Kindergartengebühren. “Wenn die Berliner aber die Kindergartengebühren wieder einführen, bekommen sie keinen einzigen Euro weniger.“ Deshalb führe diese Debatte nicht weiter. “Es ist einfach ein verkehrtes System.“

Der 63-Jährige erklärte, er habe mit Bayerns Ministerpräsident Seehofer grundsätzlich vereinbart, dass man auf Verhandlungen setze. Allerdings werde es keine schnelle Lösung geben, dafür seien die Widerstände zu groß. “Andererseits müssen wir bis 2019 sowieso etwas Neues verhandeln, weil die jetzige Regelung dann ausläuft.“

Kretschmann sieht sich in Vermittlerrolle

Für solche Verhandlungen sei Kretschmann der richtige Moderator, ist Grünen-Bundesvorsitzender Cem Özdemir überzeugt. “In der Riege der Ministerpräsidenten gehört Winfried Kretschmann zu jenen, die noch frisch im Amt und daher am wenigsten vorbelastet sind“, sagte Özdemir. Kretschmann genieße parteiübergreifend Respekt und Anerkennung. Auch der Bundesvorsitzende regte an, eine übergreifende Lösung anzustreben, in der die Geldströme zwischen Bund, Ländern und Kommunen neu geregelt werden.

Kretschmann kann sich eine Vermittlerrolle vorstellen. “Bisher war es immer so, dass sich die schwarzen Geberländer im Süden und die roten Nehmerländer im Norden gegenüberstanden. Jetzt ist das durchbrochen.“ Klar sei, dass nur Geber Kompromisse aushandeln könnten. Ein grün-rot regiertes Geberland könne “eine Brückenfunktion“ haben.

Baden-Württemberg war 2011 mit 1,78 Milliarden Euro der drittgrößte Zahler in den Länderfinanzausgleich. Am meisten musste Bayern bluten - mit 3,66 Milliarden Euro. Hessen folgte mit rund 1,8 Milliarden Euro. Hamburg steuerte rund 62 Millionen Euro bei. Größter Empfänger war Berlin mit über 3 Milliarden Euro. Insgesamt standen sich vier Geber- zwölf Nehmerländern gegenüber, und es wurden bundesweit Mittel von 7,308 Milliarden Euro umverteilt.

dpa

zurück zur Übersicht: Politik

Kommentare

Meist kommentierte Artikel

  • Letzte Woche
  • Monat
  • Themen

Holocaust & Euro: Sarrazin-Eklat bei Jauch

Berlin - Thilo Sarrazin hat erneut mit gewagten Äußerungen provoziert. Sein Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow wurde von Politikern von SPD, FDP und Grünen scharf kritisiert.Mehr...

Holocaust & Euro: Sarrazin-Eklat bei Jauch

Berlin - Thilo Sarrazin hat erneut mit gewagten Äußerungen provoziert. Sein Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow wurde von Politikern von SPD, FDP und Grünen scharf kritisiert.Mehr...

Aktuelle Fotostrecken

Röttgen-Verabschiedung: Merkel wie versteinert

weitere Fotostrecken:
Newsletter

Meist gelesene Artikel

  • Heute
  • Letzte Woche
  • Monat
  • Themen

Kritik an Seehofers Idee vom Energie-Alleingang

Berlin - Ministerpräsident Seehofer denkt wegen fehlender Berliner Fortschritte in der Energiewende an einen bayerischen Alleingang. Davon hält Wirtschaftsminister Zeil aber nichts.Mehr...

Holocaust & Euro: Sarrazin-Eklat bei Jauch

Berlin - Thilo Sarrazin hat erneut mit gewagten Äußerungen provoziert. Sein Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow wurde von Politikern von SPD, FDP und Grünen scharf kritisiert.Mehr...

Innenminister Herrmann bei Baggerunfall verletzt

Kempten - Beim Spatenstich zur Bau einer neuen Straße in Kempten ist Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in einen tonnenschweren Bagger geklettert - und mit dem Gefährt umgekippt.Mehr...

Wirtschaft

Steuerplus für Bund und Länder

Steuerplus für Bund und Länder

Berlin - Bund und Länder haben auch im April ein steigendes Steueraufkommen verbucht. Dennoch ist das Plus nicht ganz so hoch wie im Vormonat.Mehr...

Patent-Streit: Apple und Samsung schweigen

Patent-Streit: Apple und Samsung schweigen

San Francisco - Die Erwartungen an die Gespräche von Apple und Samsung zur Lösung ihres Patentkonflikts waren nicht hoch. Und das gerichtlich angeordnete Treffen in Kalifornien scheint tatsächlich kein Ergebnis gebracht zu haben.Mehr...

Stimmung in deutscher Wirtschaft gesunken

Stimmung in deutscher Wirtschaft gesunken

München - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat im Mai einen Dämpfer bekommen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ging in den vergangenen vier Wochen deutlich zurück.Mehr...

Artikel lizenziert durch © tz-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.tz-online.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper