Fredl Fesl kämpft gegen Parkinson

Parkinson: So tapfer kämpft Fredl Fesl

320.08.10|München|6 Kommentare
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München - Parkinson! Seit Jahren leidet der große bayerische Humorist Fredl Fesl unter der heimtückischen Krankheit. Mit der tz sprach er so offen wie nie zuvor darüber:

© Bodmer

Fredl Fesl kämpft gegen Parkinson.

Er kann kaum noch sprechen“ – so schlecht ging es Fredl Fesl im Februar dieses Jahres. Die Parkinson-Erkrankung ist ein ewiges Auf und Ab. Bei unserem Besuch auf seinem Hof bei Altötting ging es dem bayerischen Liedermacher recht gut. Offener und ausführlicher hat er noch nie über seine schlimme Krankheit gesprochen, von der er seit 14 Jahren weiß. Auch wenn er wohl nie mehr seinen Königsjodler live singen wird – ein ­König des Willens ist Fesl. Hier unser Bericht:

Humor ist wichtig

Heute früh ist Fredl Fesl gar nicht gut aufgestanden. An solchen Morgen schmerzt jede Faser seines Körpers. Seine Frau Monika massiert ihn mit einem Schwingschleifer, doch das hat heute auch nichts geholfen. Anschließend hat sich Fesl in den Whirlpool geschleppt, der Tag und Nacht auf 35 Grad temperiert ist. „Da fühl ich mich wohl.“

Fredl Fesl macht nicht viele Worte – aber die wenigen sitzen. Da schwingen Nuancen mit, Untertöne, Weisheiten und – ganz wichtig, „sonst wäre dieses Leben auch kaum zu ertragen“, sagt seine Frau Monika –, der Humor, dem selbst die größten Schmerzen nichts anhaben können. Fesl kämpft, lebt, liebt und lacht. Seine Krankheit hat ihn nicht zerstört. Seit 14 Jahren, erzählt der Musiker, Sänger und Humorist, weiß er von seiner Erkrankung. Fesl leidet nicht unter Parkinson-Tremor, sondern Parkinson-Rigor. „Beim Tremor zittert dein Körper dauernd. Das mag peinlich sein für den Erkrankten, aber man hat keine Schmerzen. Ich habe die andere Variante. Ob der Tremor irgendwann dazukommt, weiß ich nicht.“

„Versuchskaninchen“

Seit ein paar Monaten hat der 63-Jährige einen Hirnschrittmacher in seinem Kopf. „Doch was für eine Einstellung, was für eine Frequenz der braucht – da kennt sich keine Sau aus“, meint Fesl. „Ich fühle mich da wie ein Versuchskaninchen. Manchmal denke ich, da haut jemand mit dem Vorschlaghammer in meinem Kopf rum.“ Alle vier Stunden muss er Tabletten nehmen. Davor darf er anderthalb Stunden nichts essen, danach eine halbe Stunde nicht.

© BodmerDer 63-jährige „Königsjodler“-Komponist trainiert täglich an seinen Hanteln.Bühnen-Auftritte hat er keine mehr („Gut, dass man auf Ihren Fotos nicht hört, wie mein Gitarrenspiel klingt“, scherzt Fesl), aber wenn er halbwegs schmerzfrei ist, dann gibt es immer viel zu tun auf seinem Bauernhof, den er 1990 gekauft hat. Im 16. Jahrhundert sei der Hof bereits urkundlich erwähnt, erzählt Fesl. Dazugekauft hat er 15 Tagwerk Land, früher hatte er 55 Schafe. „Mittlerweile mäht mein Nachbar das Gras unentgeldlich und kriegt dafür das Heu für seine Kühe.“

Überhaupt Nachbarschaft. „Wenn man sich auf der Straße sieht, dann ruft man: ,Griaß di, Nachbar!‘, auch wenn er zwei Kilometer weg wohnt. Es darf nur kein Haus dazwischenstehen. Diese Abstände sind gut für den Charakter“, sagt Fesl. „Jeder kann nach seiner Facon spinnen. Jeder ist ein König. Und in der Siedlung macht jeder was für die Leit’ und nicht für sich. Den Rasen mähen, damit kein Löwenzahn zum Nachbarn rüberfliegt. Ein Auto leasen, damit die Nachbarn sehen: ,Mir geht es gut!‘“ – Glaubt Fesl an Gott? „Der liebe Gott geht scho’, aber sein Bodenpersonal … Ich glaub’, dass Gott an mich glaubt.

„Kein Volltrottel“

Fredl und Monika genießen die Abgeschiedenheit. Er lächelt: „Zum Hof führt eine Stichstraße. Wer hierher fährt, der will zu mir oder hat sich verfahren.“ Und: Die Einsamkeit hat auch etwas mit Würde zu tun. Denn manchmal leidet Fesl unter Dyskinesien, unkontrollierten Fehlbewegungen, die sehr schmerzhaft sein können. Trotzdem steht er in der Werkstatt, schweißüberströmt, und arbeitet wie ein Besessener. „Da kann man sich sehr wehtun, wenn man hinfällt oder sich anhaut.“ Wenn er dann so aus seiner Werkstatt kommt, am ganzen Körper zuckend, dann ist er froh, dass ihn höchstens seine Monika sieht. „Ich will nicht als Volltrottel dastehen, so möchte ich mich der Öffentlichkeit nicht präsentieren. Viele denken automatisch: Wenn einer seinen Körper nicht im Griff hat, dann ist er auch geistig nicht fit.“

Der Freundeskreis habe sich schon verändert. Aber viele Kollegen besuchen ihn, wenn sie in der Nähe auftreten. Willy Astor, Monika Schwarzmann, die Biermösls, der Werner Schmidbauer …

Es gibt immer etwas zu tun

Fesl spricht leise, aber deutlich. Hinter der stillen Fassade schlummert ein unruhiger Geist. Ein Macher, der nicht mehr so kann, wie er will – aber dessen Energie noch lange nicht versiegt ist. Dass seine Ehefrau der Fels in der Brandung ist, das spürt man jede Sekunde. Und Fesl? Baut und bastelt und tut und macht. Der unruhige Geist zeigt sich im und am Haus, im Garten. Überall stolpert man über die Kapriolen eines hellwachen, neugierigen, lustvollen Menschen. Fesl ist im besten Sinne des Wortes Kind geblieben. „Vielleicht hab ich als Kind zu wenig gespielt?“, vermutet er und schmunzelt.

Siehe etwa das Krokodil aus Holz, das uns aus dem Anbau heraus anspringt. „Vorsicht, Krokodil!“, steht auf einem Schild, das aufklappen kann. Oder die Eulen-Zeichnungen. „Picasso konnte mit einem Strich und einem Punkt eine Eule malen – das kann ich auch. Und mit zwei Strichen und zwei Punkten zwei Eulen. Wer ist schon Picasso?“, scherzt er. Überhaupt: „Wäre ich nicht Musiker geworden, dann Maler. Aber ich wurde ja Kunstschmied, weil ich von der Schule geflogen bin. Ich hab’ mit 14, 15 dem Lehrer eine geschmiert. Er hat angefangen.“

Hinter Fesls Fassade schlummert ein Freigeist, der sich nicht beschränken lassen will. Der Vater war Leiter der Stadtkapelle von Grafenau, später von Greding, und die Söhne sollten auch alle in den Trachtenvereinen spielen. „Ich musste mit fünf Jahren Es-Klarinette üben. ,Zwei Stunden am Tag, sonst kommst ned raus zum Spielen!‘, sagte der Vater. Ich hatte überhaupt keine Motivation. Mit zwölf kam die Trompete hinzu, und ich hab mir geschworen: Wenn der alte Herr nicht mehr so viel zu melden hat, dann mach ich nur noch Sport. Mit 16, 17 war’s so weit.“ Fesl trainierte Gewichtheben. 122,5 Kilo sind sein Rekord gewesen bei 72 kg Körpergewicht. 25 war er damals. Pokale zeugen von seinen Erfolgen, zwei mal wurde er oberbayerischer Juniorenmeister. Für die Kraft, die Fredl heute braucht, gibt’s keinen Pokal – einen so großen könnte schließlich nicht mal der Fesl basteln.

„Tuat ma leid“

Die Krankheit, sagt er, verändere auch den Charakter. „Das Dopamin, das ich regelmäßig nehme, ist ein Glückshormon. Wenn man davon zu wenig einnimmt, dann neigt man zu Depressionen.“ Fesl hat Lieder geschrieben, über die Millionen lachen. Trotzdem ist er gerne allein. Die früheren Auftritte, erzählt er, waren eher Pflicht. „Ich hab mir oft gedacht: Ich würd jetzt viel lieber fischen gehen oder Schwammerl suchen. Zumindest, bis ich auf der Bühne stand. Dann war das schlagartig anders.“ Fischen und Schwammerlsuchen liebt Fesl immer noch. „Ich fahr dann mit meinem Jeep buchstäblich von einem Schwammerl zum anderen“, übertreibt Fredl. Und dann zeigt er uns seinen Eimer, wo er die Würmer aufbewahrt. „Denen hab ich versprochen, dass sie mit zum Angeln gehen dürfen.“

Stunden später, nach üppiger Brotzeit, Rundgang durch Hof und Garten, muss das tz-Team zurück nach München. „Es ist deine Krankheit“, sagt Monika liebevoll-tadelnd, als sich Fredl kurz vorm Abschied ein Stückchen hartgekochtes Ei gönnt – obwohl er eigentlich wegen der Tabletten gerade nichts essen dürfte. Nur seine Krankheit? „Na ja, ein bisschen ist es auch meine“, lächelt Monika traurig. Und Fredl Fesl sagt drei Worte, die all das beinhalten, was er ist. Er sagt sie traurig, heiter, gelassen, weise, humorvoll, warm, spitzbübisch und liebevoll. „Tuat ma leid.“ Sekunden später lachen alle.

Matthias Bieber

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