So laufen Münchens große Gewalt-Prozesse
306.02.10|München|Facebook
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A
München - Er schickte die U-Bahn-Schläger vom Arabellapark für Jahre hinter Gitter. Nun hat es Reinhold Baier erneut mit Jugendlichen zu tun, deren Brutalität und Kaltblütigkeit Ermittler wie Bürger sprachlos macht.

© E. Unfried
Richter Reinhold Baier, Vorsitzender der Jugendkammer.
Der Vorsitzende Richter der Jugendkammer beim Landgericht München I wird das Verfahren gegen drei jugendliche Brutalos aus der Schweiz ebenso leiten wie den Prozess gegen die beiden Schläger, die Dominik Brunner zu Tode getreten und geprügelt haben.
Baier (54), der Richter. Vor rund fünf Jahren hat er den Vorsitz der Jugendkammer übernommen. Er pflegt einen ruhigen Verhandlungsstil, geht auf die Angeklagten ein und lässt sie reden, wenn sie reden wollen. Zeugen vernimmt er mit viel Einfühlungsvermögen. Was aber nicht heißt, dass die Jugendkammer milde Urteile fällt. Im Gegenteil: Das Gericht geht nicht selten in den oberen Bereich des Strafrahmens. So verdonnerte es die U-Bahn-Schläger vom Arabellapark, Serkan A. (21) und Spyridon L. zu zwölf beziehungsweise achteinhalb Jahren Haft.
Baier, der Privatmann. Der 54-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder – die Tochter ist 25, der Sohn zweieinhalb – und beschäftigt sich auch in seiner Freizeit mit dem Thema Jugendgewalt. Er ist Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes (BFV) und leitet dort die Arbeitsgruppe „Gemeinsam und fair“, die sich für einen sportlichen Umgang auf den Fußballplätzen einsetzt. Sein Heimatverein ist der FC Ismaning.
Nun also die neuen Verfahren. „Es sind Prozesse wie alle anderen“, sagt Baier – gleichwohl ist auch ihm klar, dass das öffentliche Interesse riesig sein wird.
- Die Schläger vom Sendlinger Tor. Mike B., Benjamin D. und Ivan Z. (alle 17) aus Küsnacht stehen ab 8. März vor Richter Baier, weil sie am 30. Juni 2009 fünf zufällig anwesende Personen völlig überraschend und mit unheimlicher Brutalität angegriffen hatten – „um Spaß zu haben“. Sieben Verhandlungstage sind geplant – in nicht-öffentlicher Sitzung, weil alle Täter Jugendliche sind.
Als Zeugen sind nicht nur die Opfer geladen. Vernommen werden auch Passanten und natürlich Polizeibeamte, die in dem Fall ermittelten. Die Anklage vertritt voraussichtlich Dr. Verena Käbisch als Nachfolgerin von Staatsanwalt Laurent Lafleur. Als Gutachter sind der Kinder- und Jugend-Psychiater Dr. Franz Joseph Freisleder, Direktor der Heckscher Klinik, und der Psychologe Dr. Günther Lauber geladen. Sie werden sich unter anderem mit der Schuldfähigkeit der Angeklagten beschäftigen. Diese werden wahrscheinlich vorbringen, dass ihnen für diesselben Taten in der Schweiz nur vier Jahre Höchststrafe geblüht hätten. Bei uns sind es zehn Jahre Knast.
© dpaDominik Brunner starb am S-Bahnhof Solln: Sein Bild und Blumen erinnerten an die Tat.- Der Fall Dominik Brunner. Das Verfahren gegen Markus S. (18) und Sebastian L. (17) wird voraussichtlich im Juni beginnen. Die beiden hatten am Nachmittag des 12. September 2009 am S-Bahnhof Solln den Unternehmer Dominik Brunner zu Tode geprügelt und getreten, weil dieser sich schützend vor vier Schüler gestellt hatte. Gegen die Schläger wird öffentlich verhandelt, weil einer von ihnen zur Tatzeit bereits über 18 Jahre alt war. Baier richtet sich auf ein längeres Verfahren ein. „Das wird sicher drei Wochen dauern“, sagt er.
Solln: Die Trauer am Bahnsteig
Aufgrund des öffentlichen Interesses zieht die Jugendkammer in den Schwurgerichtssaal A 101 des Strafjustizzentrums um. Dort stehen rund 140 Sitzplätze für Zuhörer zur Verfügung. Geladen werden mindestens 50 Zeugen – Polizisten, Passanten, Mitreisende aus der S-Bahn… Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf Mord aus niederen Beweggründen. Wie der Prozess laufen wird, ist noch völlig offen. „Die Öffentlichkeit hat das Recht, ausführlich informiert zu werden“, so Baier.
Und wenn am Ende wieder hohe Haftstrafen stehen sollten? Dienen solche Urteile zur Abschreckung? Baier ist skeptisch. Sein Urteil gegen die Schläger vom Arabellapark habe die jetzt Angeklagten ja auch nicht vor ihren Gewaltverbrechen abgehalten, sagt er. Er sieht ein anderes Problem: nämlich „dass bei Auffälligkeiten Jugendlicher mit vernünftigen Strafen zu lange gewartet wird“.
Eberhard Unfried
zurück zur Übersicht: München