München - Eine Diskussion wie ein Fußballspiel - das geht schon beim Einlass los: Skandal-Autor Thilo Sarrazin stellt sich in München der Diskussion um sein Buch. Die ist turbulent ausgefallen.

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Thilo Sarrazin war zu einer Diskussionsrunde in München.
Rund 780 Münchner müssen durch mehrere, Pass-, Karten-, Taschen und Leibeskontrollen, um zum Abend mit Thilo Sarrazin und dessen Buch “Deutschland schafft sich ab” in die Schwabinger Reithalle zu gelangen. Polizei überall, Ordner auch, vielleicht hundert Kapuzenpulliträger demonstrieren draußen und als die Spieler auf die Bühne treten, brandet der Applaus auf. Manche stehen sogar auf. Fehlt nur noch die Hymne: Aber welche eigentlich?
Mit dem Skandal-Autor und Ex-Bundesbanker diskutieren der Münchner Soziologie-Professor Armin Nassehi, Sohn eines Persers, Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, Filius eines ungarischen Flüchtlings, unter der Leitung von BR-Moderator Achim Bogdahn mit slawischem Namen. Alles wartet auf den Anstoß. Der Spielführer legt los: “Diese Diskussion hat mich verändert”, scheint Sarrazin schon zu Anfang um Atem zu ringen. Die Medien seien gegen ihn, die Politik auch, selbst die Bundeskanzlerin sage gemeine Sachen, ohne das Buch gelesen zu haben. Dann dreht er auf: Aber die Menschen im Internet und auf der Straße, die finden sein Buch gut. “Was sagt das über unser Land und unsere Regierung?” Wieder Applaus, die Menschen sitzen also auch im Publikum.
“Der Debatte um Integration haben Sie keinen Dienst erwiesen. Wissenschaftler Nassehi gefällt sich als Kreativspieler: Allerlei professorale Tricks führt er vor, zitiert die Fachliteratur, macht Sprachspiele, seziert die Gesellschaft, um dann doch direkt auf Sarrazin und dessen Buch loszustürmen. “Hier kommt ein bürgerlicher Beobachter mit der Unordnung der Welt nicht klar.” Weite Teile des Publikums sind außer sich vor Wut, schreien, brüllen gar. Und so geht das weiter: Ist Sarrazin am Ball, klatschen viele, steigern sich zur Ekstase. Läuft der Konter über die Zange Nassehi-Steingart, buhen die meisten oder zumindest die lautesten Besucher - das geht bis hin zu wüsten Beschimpfungen. Dabei steigt hier doch nicht das Endspiel in der Weltmeisterschaft der Wahrheit.
Zum Glück gibt’s nach der Halbzeit viel Mittelfeldgeplänkel über Volksparteien, Geschichte und den Lehrerberuf von Sarrazins Frau. Zum Ende gewinnt das Match wieder an Fahrt. Und so bleibt als Fazit ein Satz aus dem Buch: “Wer Schalke-Fan ist, kann kein Bayern-Fan sein.” Das stimmt im Fußball. Aber auch, wenn es um unser Land und unser Leben geht?
David Costanzo
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