Sie sehen den Tod eines geliebten Menschen vor sich oder sogar den eigenen. Schweißgebadet machen Sie die Augen auf: Gott sei dank, es war nur ein Traum. Doch was hat er zu bedeuten?

© dpa
Ziehen in Träumen dunkle Wolken auf? Nicht immer müssen Alpträume etwas Schlechtes bedeuten.
Alle Menschen träumen. Aber nicht gleich. Sondern jeder auf seine Art. Unser langjähriger Traumexperte Klausbernd Vollmar, Buchautor und Therapeut hat in seinem „Handbuch der Traumsymbole“ (Königsfurt-Urania) die wichtigsten, spannendsten und unbekanntesten Traumsymbole erklärt.
Haben Sie schon einmal geträumt, dass Sie einen Geliebten haben? Wurden Sie im Traum erwürgt? Sind Sie im Schlaf in einer wichtigen Prüfung durchgefallen? Das Traum-Lexikon zeigt: Oft verstecken sich ungeahnte Bedeutungen hinter solchen Träumen.
Herr Vollmar, wie wird man Traumexperte?
„Ich habe mich immer dafür interessiert, wie Literatur oder Werbung mit Bildern arbeiten, wie sie auf Menschen wirken, sie beeinflussen. Und dann gab’s da auch noch was Biografisches …“
Ja? Was denn?
„Ich machte mal eine Expidition in die Wüste von Niger. Durch entzündete Insektenstiche holte ich mir eine lebensgefährliche Blutvergiftung. Und ein afrikanischer Arzt (er hatte in Paris Medizin studiert) behandelte mich dann in einer Oase auf meinen eigenen Wunsch lieber auf traditionelle Art.“
Und das sah wie aus?
„Er hat mich 14 Tage lang in kaltes Badewasser gelegt, ein bisschen Kräuter verabreicht, und dann – und das war der wichtigste Teil der Kur – analysierte er jeden Tag meine Träume der vorhergehenden Nacht mit mir. Als ich wieder gesund war, hatte mich das Thema Träume dann natürlich gepackt.“
Und dann?
Herr Vollmar, sind Träume eigentlich ganz individuell, eine persönliche Sache?
„Ja und nein. Der Traum ist auch immer vom Zeitgeist abhängig, spiegelt wieder, was auch gerade in der Gesellschaft en vogue ist. Träume von Leuten aus ein und derselben Gesellschaft haben immer ähnliche Strukturen. Gerade die Massengesellschaft übt da einen starken Druck aus ...“
Also ist mein Traum ein Mix aus „mir“ und „den Anderen“ …
„Genau. Diese Spannung zwischen Individualität und Allgemeinheit drückt sich in jedem Traumsymbol aus. Ihr Traum spricht zwei Sprachen: eine normale und eine ,fremde‘ Sprache. Wasser hat zum Beispiel immer mit der Gefühlswelt zu tun. Und jetzt kommt da eine Überlagerung rein. Welche persönlichen Erfahrungen macht man, um mit dem Element umgehen zu können? Das Symbol ist der Schnittpunkt zwischen einer allgemeinen und einer individuellen Bedeutung. Und jeder Traum ist eine Art Schnittstelle zwischen individueller und allgemeiner Bedeutung.“
Wozu brauche ich dann ein Traumlexikon?
Herr Vollmar, gibt es eigentlich neutrale Träume?
„Ich glaube nein. Jeder Traum bekommt seine Energie aus einer psychischen Anspannung. Und bringt psychische Entspannung. Das muss nicht immer ein Riesenproblem sein. Manchmal nur verdrängte Perspektiven, weil etwas nicht in unser Selbstbild passt. Aber im Unterbewusstsein geht nichts verloren, es ist der Speicher des Gehirns. Diese verdrängten Aspekte kommen nachts einfach wieder …“
Träumen ist Therapie?
„Der Traum hat die Funktion, dass wir aus ihm lernen, uns permanent anzupassen. Der Traum ist der ,kopflose‘ Therapeut, der uns immer wieder auf die Finger klopft. Wir verstehen bloß Träume oft nicht, weil sie alles anders zeigen, als wir es wach gewöhnt sind. Der Traum erweitert die Perspektiven.“
Träumen ist arbeiten?
„Das Gehirn arbeitet immer. Aber wenn wir bewusst an etwas arbeiten, haben wir nur einen begrenzten Speicher. Das Bewusstsein ist konservativ, weil es auf Erfahrung basiert. Es ist nicht sehr kreativ. Im Schlaf fährt das Unbewusste hoch und arbeitet dann mit spielerischer Einstellung weiter. Wir haben so eine viel größere Kreativität. Einstein hat seine Relativitätstherie beim Traum von einer Schlittenfahrt erfunden, sagen wir besser, gefunden. Auch der Erfinder der Nähmaschine hat seine Problemlösung geträumt, als er erschöpft am Schreibtisch einschlief.“
Herr Vollmar, jetzt mal was ganz anderes. Wenn ich nicht träume, bin ich dann irgendwie langweilig, oder gar krank?
„Das ist ein ganz häufiges Missverständnis. Alle träumen. Weil wir aber immer etwa alle 90 Minuten einen neuen Traum haben, bleibt uns meist nur der letzte in Erinnerung.
Oder eben nicht…
Ja. Die Traumerinnerung kann man übrigens ganz einfach lernen. Wenn Sie beim Aufwachen sofort was machen, verdrängt das die Erinnerung. Der Traum hinterlässt nämlich eine Spur im Langzeitgedächtnis und nicht im Kurzzeitgedächtnis. Bleiben Sie morgens nur ein, zwei Minutern liegen, kommt der Traum zurück. Bleiben Sie nach dem Aufwachen ruhig, beobachten Sie die ersten Gedanken und Gefühle. Das führt normalerweise schnell zum Traum zurück ...
Was kann man noch tun, um seine Träume besser zu erinnern?
Die Schlafposition ist wichtig. Wir wachen meist in einer anderen Lage als der Einschlafposition auf. Drehen wir uns beim Aufwachen wieder in die „Urposition“ zurück, fördert das die Erinnerung. Der Fachbegriff ist „State learning“. Unsere Gehirnleistung ist an die Körperhaltung gekoppelt. Wenn Sie zum Beispiel Vokabeln im Sitzen gelernt haben, können Sie sich auch im Sitzen besser wieder an sie erinnnern.“
Herr Vollmar, lassen Sie uns zum Abschluss über ein Thema reden, das viele sehr bewegt: Albträume. Wie schlimm sind sie wirklich?
„Albträume sind Notsignale der Seele. Die Agitation dabei ist so groß, dass man aufwacht. Vorher hat man auf Signale, auch im Traum, einfach nicht geachtet. Der Albtraum ist das letzte Signal, welches die Psyche zu uns spricht. Bleibt es unbeachtet, ist meist der nächster Schritt die körperliche Krankheit.“
Auch bei Kindern? Eltern sind geradezu hilflos und ratlos, wenn die Kleinen im Schlaf wimmern …
„Bei Kindern sind Albträume ganz normal. Alle Kinder machen zwei bis drei Albphasen durch. Das liegt oft so bei drei, vier Jahren, später so um die Einschulung herum. Aber es handelt sich hierbei nur um eine Art ,Immunologie der Seele‘. Die Psyche stärkt sich so – wie der Körper durch Kinderkranheiten.“
Also ohne Bedeutung?
„Jein. Aber normal. Ein häufiger Kindertraum ist der ,Monstertraum‘. Man kann hinter den Monstern natürlich eine Veschlüsselung der Eltern sehen. Kinder haben natürlich auch Aggressionen gegenüber den Eltern, schließlich hängen sie von ihnen ab und lieben sie. Aber weil man nicht hassen darf, was man liebt, weicht das Kind zum Aggressionsabbau eben auf Monster aus. Das hängt aber immer auch stark vom Umfeld ab, in dem das Kind lebt ...“
tz



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.