Selsingen - Bewegender Abschied von den im afghanischen Kundus gefallenen Soldaten: Im niedersächsischen Selsingen haben hunderte Soldaten, Regierungsvertreter und Angehörige den drei Fallschirmjägern die letzte Ehre erwiesen.

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“Ich verneige mich vor ihnen. Deutschland verneigt sich vor ihnen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag bei der Trauerfeier.
Die Kanzlerin stellte sich klar hinter den Afghanistan-Einsatz, räumte aber ein, dass er sich schwieriger gestalte als ursprünglich erwartet. Sie rief dazu auf, den Realitäten ins Auge zu sehen. Viele würden den Einsatz als Krieg bezeichnen, “und ich verstehe das gut“, sagte Merkel. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wurde deutlicher und sprach erstmals ohne jegliche Umschweife und Einschränkungen von Krieg: “Was wir am Karfreitag bei Kundus erleben mussten, das bezeichnen die meisten verständlicherweise als Krieg - ich auch.“
Die drei 25, 28 und 35 Jahre alten Soldaten waren am Karfreitag beim Minensuchen mit rund 30 Kameraden in einen Hinterhalt geraten und im Kugelhagel der radikalislamischen Taliban gestorben. Damit sind inzwischen 39 Soldaten in Afghanistan ums Leben gekommen.
Die Zeremonie fand in der St. Lambertikirche in Selsingen ganz in der Nähe des Seedorfer Heimatstandorts der gefallenen Soldaten statt. Rund 600 Trauergäste konnten an dem eineinhalbstündigen Gottesdienst teilnehmen. Darunter waren auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und der Bundeswehr- Generalinspekteur Volker Wieker. Die drei Särge waren in schwarz-rot- goldene Fahnen gehüllt. Auf jedem lag ein Stahlhelm. Große Schwarz- Weiß-Fotos zeigten die Gefallenen.
Vor der Kirche verfolgen hunderte Trauernde die Zeremonie auf einer Leinwand - darunter viele Soldaten in Uniform. “Wir können nicht begreifen, was geschehen ist. Warum dieser Tod? Wir stehen hilflos da“, sagte der katholische Militärdekan Hartmut Gremler. “Es ist uns schmerzhaft bewusstgeworden, wie hauchdünn die Wand vom Leben zum Tod ist.“
Merkel und Guttenberg würdigten den mutigen Einsatz der mehr als 4000 deutschen Soldaten in Afghanistan. Die Kanzlerin verzichtete erneut darauf, ein Abzugsdatum zu nennen. “Das jetzt zu tun wäre verantwortungslos.“ Die Kanzlerin betonte aber, dass mit der neuen Afghanistan-Strategie die Übergabe der Verantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte vorbereitet werde. Die Bundesregierung stehe hinter dem Einsatz der Soldaten und Polizisten in Afghanistan. Afghanistan dürfe nie wieder von Taliban und Al-Kaida-Terroristen beherrscht werden.
Guttenberg sprach den Angehörigen wie auch Merkel sein tiefes Mitgefühl aus. “Mit ihnen trauern wir, trauert ein Land.“ Die drei Soldaten hätten “überaus tapfer ihren Dienst in Afghanistan geleistet“, sagte der Verteidigungsminister. Sie seien von denjenigen getötet worden, “denen ein Menschenleben nichts, rein gar nichts zählt“.
Merkel will sich als Konsequenz aus dem blutigen Karfreitag offenbar stärker um den Einsatz der deutschen Soldaten kümmern. Die CDU-Chefin kündigte kurz vor der Trauerfeier überraschend einen Besuch des Einsatzführungskommandos in Potsdam an diesem Samstag an. Es handele sich um einen Informations- und Unterstützungsbesuch, der “eine direkte Folge der Ereignisse vom Karfreitag“ sei, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans. Die Bundeskanzlerin habe sich “angesichts der Ereignisse und der offenbar ja auch zumindest teilweise neuen Qualitäten“ der Lage in Afghanistan dazu entschlossen.
Von Potsdam aus werden alle Auslandseinsätze der Bundeswehr zentral gesteuert. Die Regierungschefin hatte das Einsatzführungskommando erstmals 2006 besucht. Verteidigungsminister Guttenberg wird sie nicht begleiten.
Das Linke-Vorstandsmitglied Christine Buchholz bezeichnete Merkels Teilnahme an der Trauerfeier als “heuchlerisch“. “Die Bundeskanzlerin trägt die Verantwortung für den Tod der drei Soldaten“, sagte Buchholz. “Denn sie schickte sie nach Afghanistan, obwohl sie wusste, dass sich die Sicherheitslage im Norden dramatisch verschlechtert hat.“ Die CDU wies den Vorwurf als unverschämt zurück und forderte eine Entschuldigung.
dpa
Rubriklistenbild: © dpa
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