Perverses Experiment: Schweine sollen in Lawine ersticken

Perverses Experiment: Schweine sollen in Lawine ersticken

214.01.10|Bayern|58 KommentareFacebook
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A

Innsbruck/Vent - Wütende Tierschützer haben ein Projekt gestoppt, bei dem Schweine zu Forschungszwecken lebendig begraben wurden. Die Wissenschaftler – auch in Bayern – hatten sich Erkenntnisse erhofft, die Menschenleben retten könnten.

© zoom-tirol

Wissenschaftler Peter Paal (r.)

Tierschützer aus ganz Österreich haben am Donnerstagvormittag schnell ein paar warme Klamotten zusammengepackt und sich auf den Weg ins Ötztal gemacht. In Windeseile verbreitete sich gestern die Nachricht von dem Tierversuch dort. Als am Abend schließlich dutzende Tierrechtler das Versuchsgelände belagerten, brachen die Forscher das Projekt ab – aus Angst vor Handgreiflichkeiten von radikalen Demonstranten. „Man kann unter diesen Umständen nicht weiter arbeiten“, sagte der Leiter der Studie von der Universitätsklinik für Anästhesie in Innsbruck, Peter Paal. Ob und wann der Versuch weitergeführt werde sei unklar. Bislang sind zehn Tiere gestorben, zwei Wochen lang hätte das Projekt noch laufen sollen.

Schweine sterben im Lawinentest

Bereits am Dienstag wurde der Tierversuch in Vent, einem kleinen Bergdorf auf 1900 Metern in der hintersten Ecke des Tiroler Ötztals, gestartet. Unterhalb eines Hangs haben die Wissenschaftler ein Zelt aufgebaut, dort lagern Untersuchungsinstrumente. Jeden Tag wurden ein paar Schweine ins Venter Feuerwehrhaus gekarrt – aus einem etwas entfernten Stall. In dem behelfsmäßigen Labor wartete dann schon der Forscher: mit der Narkose-Spritze in der Hand. Er legte den Tieren Kanülen, klebte ihnen Mess-Sonden an die Leiber, schloss sie an Geräte an. Dann wurden sie auf das Versuchsgelände gebracht.

An dem Hang wurde eine Lawine simuliert, die Schweine vom Schnee begraben. Das eine Tier bekam eine größere Atemhöhle und überlebte länger, das andere eine kleinere. Es erstickte schneller. Die Wissenschaftler verfolgten den langsamen Tod über Minuten. Oder über Stunden, je nach Größe der Atemhöhle. Andere Schweine wurden nur bis zum Kopf im Schnee vergraben und erfroren. War das Tier tot, wurde es ausgebuddelt. Gewebeproben werden in einem US-Labor untersucht, der Rest kommt in die Tierkörperverwertung.

Federführend für dieses Projekt ist neben der Uniklinik Innsbruck das Institut für Alpine Notfallmedizin in Bozen (Südtirol). Mit dem Versuch wolle man Erkenntnisse über die Überlebenschancen von Opfern in Lawinen erlangen. Bayerische Wissenschaftler erwarten sich durchaus Vorteile von den Ergebnissen, sollte die Studie zu Ende geführt werden: „Wir wissen nicht allzuviel darüber“, sagt Stephan Prückner. Der leitende Notarzt der Uniklinik in München-Großhadern hat selbst Erfahrung als Bergretter. In Vent sollte etwa der Zusammenhang zwischen körperlichem Zustand und der Größe der Atemhöhle untersucht werden – das wäre durchaus sinnvoll, sagt Prückner, der für die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) forscht und lehrt. So könnten Retter auf den Zustand des Verschütteten schließen: „Dann kann ich entscheiden: Muss der sofort an die Herz-Lungen-Maschine einer Spezialklinik oder reicht das Krankenhaus unten im Tal?“

Herwig Grimm zeichnet ein anderes Szenario: „Wenn fünf Menschen verschüttet sind und nur drei eine reelle Überlebenschance haben – dann kann ich durch solches Wissen Menschenleben retten.“ Grimm ist Tierethiker am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften der LMU. Der ehemalige Landwirt findet, es gibt unsinnigere Gründe für Tierversuche – „zum Beispiel für das hundertste Haarwuchsmittel“. In Deutschland sterben jährlich mehr als 2,6 Millionen Tiere bei Versuchen. Grimm bittet darum, bei der Empörung keinen Unterschied zwischen den Tierarten zu machen: „Wenn das Projekt mit Ratten gemacht worden wäre, würde es niemanden interessieren.“ Und Schweine seien Menschen nun mal sehr ähnlich, zum Beispiel was die haarlose Haut angeht.

Tierschützer fragen sich trotzdem: „Gibt es denn heutzutage keine anderen Untersuchungsmethoden?“, kritisiert Tessy Lödermann vom bayerischen Tierschutzverein. Doch der Münchner Forscher Prückner sagt: „Wenn man möglichst realitätsnah testen will, braucht man Tierversuche.“

Von Carina Lechner

zurück zur Übersicht: Bayern

Schliessen

Artikel empfehlen!

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fotostrecken aus Bayern

Bayern|0

Doppelmord in Rosenheim: Polizei sucht Täter

Doppelmord in Rosenheim: Polizei sucht Täter

Bayern|0

Im August: Schnee-Gestöber auf der Zugspitze

Im August: Zugspitze zugeschneit

Bayern|9

Burghausen: Trauer am Unglücksort um getötete Feuerwehrfrau

Trauer am Unglücksort um getötete Feuerwehrfrau

46.9667183,11.0073762

Top Artikel aus Bayern:

  • Meist gelesene Artikel
  • Meist kommentiert
Sebastian Frankenberger ist der Initiator des absoluten Rauchverbots
Frankenberger fliegt aus dem Festzelt!

Waldkirchen - Sebastian Frankenberger, der Initiator des absoluten Rauchverbots, ist beim Waldkirchner Volksfest in der Nähe von Passau aus dem Bierzelt geworfen worden.Mehr...

Hochwasser-Alarm: Würm ist über die Ufer getreten

München/Starnberg - Dauerregen und kein Ende: Straßen, Keller und Firmengebäude stehen unter Wasser. Am Starnberger See und der Würm bleibt die Lage kritisch. Im Allgäu musste ein Zeltlager geräumt werden.Mehr...

Sebastian Frankenberger ist der Initiator des absoluten Rauchverbots
Frankenberger fliegt aus dem Festzelt!

Waldkirchen - Sebastian Frankenberger, der Initiator des absoluten Rauchverbots, ist beim Waldkirchner Volksfest in der Nähe von Passau aus dem Bierzelt geworfen worden.Mehr...

Frankenberger: Jetzt rücken ihm die Stalker auf die Pelle

München - Die fanatischen Frankenberger-Hasser haben sich eine neue Arbeitsweise einfallen lassen, wie sie den Vorkämpfer in Sachen Nichtraucherschutz ärgern können.Mehr...

Weitere Artikel aus Bayern:

Warnung vor radioaktiv verseuchten Pilzen
Warnung vor radioaktiv verseuchten Pilzen

München - Das Umweltinstitut München hat bei einer Stichprobe im Münchner Handel erneut radioaktiv belastete Pilze entdeckt.Mehr...

Stadt Bamberg hilft verunglücktem Franken in Thailand
Stadt Bamberg hilft verunglücktem Franken in Thailand

Bamberg - Ein Spendenkonto soll die Rückkehr eines seit Monaten in einem thailändischen Krankenhaus liegenden Bambergers ermöglichen.Mehr...

Aktuelle Videos

AktuellesSportCommunityFreizeitServiceAnzeigenAbo

Artikel lizenziert durch © tz-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.tz-online.de