Stein an der Traun: Fels stürzt auf Haus - der dramatische Einsatz der Feuerwehr - zwei Menschen gertette - "Bitte, holt uns hier raus"

Dramatischer Einsatz in Stein: "Bitte, holt uns hier raus"

127.01.10|Bayern|
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Stein a.d. Traun - Feuerwehrmann Herbert Kusstatscher hat schon viel erlebt. Doch das Unglück von Stein an der Traun ist einmalig. Der dramatische Einsatz der Feuerwehr.

© dpa

Feuerwehrmann Herbert Kusstatscher"Wohnhaus unter Schutt, eingeklemmte Personen.“ Es war 19.58 Uhr, als der Piepser bei Herbert Kusstatscher anfing zu fiepen. Alarmstufe fünf. Zum Glück sind heute viele Kollegen zu einer technischen Schulung im Gerätehaus, schoss es dem Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Stein durch den Kopf, dann war er auch schon unterwegs. Der Einsatzort, die Pallingerstraße – gleich hinter der Brauerei den Berg n’auf – ist nur einen Kilometer von seinem Zuhause weg.

Kusstatscher hat schon viel erlebt, aber was er wenig später zu Gesicht bekommt, raubt ihm den Atem: „Da, wo gerade noch ein Haus stand, war nichts mehr.“ Nur noch ein Berg von Schutt, begraben unter einem Monsterfelsen.

Kurz darauf sind 53 Männer seiner Wehr im Einsatz. Und jeder von ihnen weiß: Jede Minute zählt. Doch die Situation ist schwierig. Rutscht der Hang weiter? Wo sind die Verschütteten? An den Einsatz von schwerem Gerät ist nicht zu denken. „Das wäre viel zu gefährlich gewesen.“ Mit bloßen Händen arbeiten sich die Männer vor. Größere Hindernisse müssen sie mit der Handsäge zerkleinern.

Wo sind die Vermissten? Langsam schieben sich die Retter in die Mitte des Schutthaufens vor. „Da verlierst du jedes Zeitgefühl“, beschreibt Kusstatscher die Situation. „Man hat nur einen Gedanken im Kopf: Wir müssen sie da rausholen.“

Fast zwei Stunden schuften die Einsatzkräfte schon, längst sehen sie – bedeckt von einer Staubschicht – aus wie weiße Ameisen, die sich durch einen Hügel wühlen, da hört einer eine verzweifelte Stimme: „Holt uns raus, Hallo, wir sind hier.“ Die Männer sind wie elektrisiert.

Wenig später klappt die Verständigung besser – und Kusstatscher und seiner Männer erfahren, dass zwei Personen relativ wohlauf sind. „Bei einer waren zwar die Füße verschüttet, aber der Oberkörper war relativ frei, die andere war offensichtlich nur an der Brust eingeklemmt.“ Doch, wo sind die beiden anderen Vermissten?

Stück für Stück tragen die Feuerwehrleute, die sich mit Staubmasken schützen, weiter die Trümmer ab. Inzwischen sind rund 200 Helfer an der Unglücksstelle.

Dann der Schock: Die Männer entdecken den 45 Jahre alten Peter B., doch für den Familienvater kommt jede Hilfe zu spät. Auch die 18-jährige Tochter Sophie können die Männer nur noch tot aus den Trümmern bergen.

Doch für Trauer ist jetzt keine Zeit. Noch gilt es mit Zuversicht und Optimismus die beiden anderen Vermissten aufzubauen. Über fünf Stunden liegen sie jetzt schon unter dem Fels – lebendig begraben. Dann, nach über 330 Minuten, sind sie endlich in Reichweite der Verschütteten. Kusstatscher und seine Männer können Leon, den 16-jährigen Sohn der Familie, befreien. Was für ein Glücksgefühl! 45 Minuten später gelingt es ihnen Uschi B., die 40-jährige Mutter, zu bergen. Wie durch ein Wunder haben beide überlebt. Offensichtlich hat ihnen ein stabiler Türsturz das Leben gerettet.

Zwölf Stunden später steht Kusstatscher schon wieder im Gerätehaus der Wehr in St. Georgen. Gemeinsam mit seinem Vize Norbert Schindler räumt er das Gerät auf. Drei Stunden haben die beiden Männer geschlafen. „Mehr ging nicht“, sagt Schindler, „Ich bin jetzt noch bis obenhin voll mit Adrenalin.“ Der 43-Jährige Familienvater saß am Montagabend mit seiner elfjährigen Tochter bei den Hausaufgaben, als der Alarmpiepser ging. „Meine Frau war noch in der Arbeit“, erzählt er. „Aber als meine Tochter hörte, dass ein Fels auf ein Haus gestürzt sei, meinte sie, ’Papa kannst schon gehen, die Mama kommt ja gleich’ …“

Gestern Abend arbeiteten die beiden Kommandanten mit ihren Kameraden noch einmal den Einsatz auf. Um 19 Uhr trafen sie sich im Feuerwehrhaus. „Die Gefühle müssen ja verarbeitet werden. Das geht am einfachsten, wenn wir gemeinsam darüber sprechen“, sagt Schindler. „Denn so etwas hat noch keiner von uns erlebt.“

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