München - Nach einem Modellprojekt in Erlangen und Traunstein sollen jetzt überall in Bayern „Koordinierte Kinderschutzstellen“ eingerichtet werden. Familienministerin Haderthauer gab gestern den Startschuss.
Jörg M. Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Ulm, nennt eine erschreckende Zahl: „Fünf Prozent aller Kinder wachsen in Deutschland in Familien auf, wo ein gewisses Risiko zur Vernachlässigung besteht.“ Wie kann man diese Kinder vor einem Schicksal wie dem von Lea-Sophie und Kevin, den vielleicht bekanntesten Opfern von Gewalt und Vernachlässigung, bewahren? Indem man überforderten Eltern so früh wie möglich hilft, sagen Experten.
Und da ist in Bayern gestern eine entscheidende Weiche gestellt worden. Familienministerin Christine Haderthauer stellte zusammen mit Fegert das Netzwerk „Koki“ vor. Die Abkürzung steht für „Koordinierende Kinderschutzstelle“. Angesiedelt bei den Jugendämtern sollen die Netzwerke alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben, zusammenbringen. Also Geburtskliniken, Hebammen, Ärzte, Beratungsstellen usw. Auf diese Weise sollen Risiken schneller erkannt und Hilfsangebote gebündelt werden. Vor allem aber soll für Eltern die Hemmschwelle gesenkt werden, diese Hilfen auch anzunehmen.
Zunächst in vier Bundesländern und mehreren Gemeinden, darunter Erlangen und Traunstein, als Modellprojekt getestet, wurde „Koki“ jetzt bayernweit zu einem Förderprogramm ausgeweitet. 5,5 Millionen Euro stellt der Freistaat dafür 2009/10 bereit. Gemeinden, die „Kokis“ einrichten, erhalten dafür einen Personalkostenzuschuss von 16 500 Euro.
„Wir hatten noch nie eine Elterngeneration, die so verunsichert ist wie heute“, bestätigt Fegert. Als Leiter des „Koki“-Projekt plädiert er daher für eine Förderung der elterlichen Erziehungskompetenz in Abhängigkeit von Risikofaktoren. Dazu gehören neben Armut, beengtem Wohnraum, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit auch psychische Erkrankungen oder Minderjährigkeit von Müttern. Bei den letztes Jahr bekanntgewordenen Misshandlungsfällen seien vor allem Kinder unter drei Jahren betroffen gewesen, berichtet Fegert. Und die Täter waren meistens die leibliche Mutter oder der Vater.
„Koki“-Netzwerke sollen aber nicht nur als soziale Frühwarnsysteme wirken und Hilfe aus einer Hand anbieten. Hier sollen auch die Reibungsverluste zwischen den verschiedenen Einrichtungen und Ämtern minimiert und Türen geöffnet werden.
Dass die Große Koalition das geplante Kinderschutzgesetz scheitern ließ, habe zu einer Rechtsunsicherheit gerade bei Ärzten geführt, meint Fegert. So habe bei einer Umfrage unter 58 Ärzten in Ulm und Neu-Ulm über die Hälfte zugegeben, nicht so genau in Sachen Schweigepflicht Bescheid zu wissen. Auch hier könnte das „Koki“-Netzwerk weiterhelfen.
Von Monika Reuter
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