Schock-Bericht: Der gefühllose Sex unserer Kinder

Immer jünger, immer heftiger, keine Tabus

Schock-Bericht: Der gefühllose Sex unserer Kinder

2409.09.08|Welt|27 KommentareFacebook
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Berlin - Es gibt Teenager in Deutschland, die halten nicht mehr schüchtern Händchen im Kino oder verabreden sich zum Eisessen. Sie haben Sex wie im Pornofilm!

Immer mehr Heranwachsende begnügen sich nicht mehr mit der heimlichen Lektüre der Aufklärungsseiten von Zeitschriften. Sie probieren alles lieber selbst aus.

© dpa

Immer mehr Heranwachsende begnügen sich nicht mehr mit der heimlichen Lektüre der Aufklärungsseiten von Zeitschriften. Sie probieren alles lieber selbst aus.

Die tz erzählt ihre Geschichten – so, wie sie die „Arche“-Mitarbeiter gehört und aufgeschrieben haben (Namen geändert):

Jana, 14:Sie ist ein hübsches Mädchen mit ausdrucksstarken Augen. Jana lebt mit ihrer Mutter (29) in einer Plattenbausiedlung. Ihren leiblichen Vater hat Jana nie kennengelernt – dafür verschiedene Stiefväter. Sie war zwölf, als die das erste Mal mit einem Jungen schlief: „Patrick war so süß“, erinnert sich Jana an den damals 14-Jährigen. „Richtig geil.“ Nach zweimal Sex war allerdings Schluss. Danach kam Mike (17): Mit dem blieb Jana eine Woche lang zusammen – nur im Bett, die Schule ließ sie in diesen Tagen sausen, danach sah sie ihn nie wieder. Seitdem hat sie Feuer gefangen; sie weiß selbst, dass sie schon jetzt mehr Männer hatte als andere Frauen im ganzen Leben. „Sex gehört dazu, wie Zigaretten zu rauchen“, so Jana. Mit ihrer Mama, die sie ihre „beste Freundin“ nennt, schaut Jana Pornos – um Neues zu lernen. Verhütung? „Ohne Gummi ist es schöner!“ Gerade ist Jana mit einem 40-Jährigen zusammen. Ihre Mutter findet das cool, weil der sie zum Einkaufen fährt.

Brian, 17:Ein Aufreißer – die „Girls“ himmeln ihn an. Neulich hatte er ein besonderes Erlebnis: Auf einer Party lernte er mit seinem Kumpel zwei Mädchen kennen. Es gab Wodka, es gab Drogen, da war ein leerer Raum. Los ging’s, zu viert, natürlich ohne Kondome. „Ich habe eine Latex-Allergie“, behauptet Brian. „Unsere Frauen hier sind sauber.“ Um eine Schwangerschaft zu verhindern, könne man die Mädchen auch nach dem Sex auf den Kopf stellen und schütteln, erzählen sich Brian und seine Freunde. Oder warme Cola in die Scheide träufeln. Neulich, erinnert sich Brian voller Stolz, hatte er Sex mit einer „Älteren“. Sie sei 29 gewesen. „Unglaublich! Wir haben es stundenlang miteinander gemacht, und das knallhart. Blümchenmasche finde ich blöd.“

Fanny, 16:Sie ist die Ausnahme unter allen Kids, mit denen die „Arche“-Mitarbeiter zu tun haben: Fanny hatte noch nie Sex. Sie will es anders machen als ihr Bruder und ihre Freundinnen – und auf den Richtigen warten …

Immer tabuloser geht es bei den jungen Menschen zur Sache.© dpaImmer tabuloser geht es bei den jungen Menschen zur Sache.Kinderschützer schlagen Alarm

Mit elf Jahren deprimiert, weil „ich noch keinen Sex hatte“? Kids, die noch nie die große Liebe erlebten – aber alle Sex-Stellungen kennen? Das sind keine Ausnahmen, sagt der Berliner Jugendpastor Bernd Siggelkow, sondern das ist die Regel in deutschen Familien, die ihre Kinder vernachlässigen! Er ist Gründer der bundesweiten Kinderschutz-Einrichtung „Arche“, die auch in München eine Anlaufstelle betreibt. Zusammen mit Wolfgang Büscher (siehe Interview) berichtet Siggelkow von seinen Praxis-Erfahrungen im neuen Buch: „Deutschlands sexuelle Tragödie“. Es ist ein Aufschrei gegen finanzielle und emotionale Armut …

„Vernachlässigung ist das Problem!“ - tz-Interview mit Wolfgang Büscher, Buchautor und „Arche“-Sprecher

Wolfgang Büscher hat die erschreckende Sex-Studie verfasst – zusammen mit dem Berliner Jugendpfarrer Bernd Siggelkow. Beide arbeiten für das Kinderschutz-Zentrum „Arche“. Die tz sprach mit Büscher:

Sie betreuen 13-jährige Mädchen, die schon mit 30 jungen Männern im Bett waren. Und Sie kennen Fälle wie den eines Teenagers, der gleich drei Freundinnen schwängerte – zwölf, 14 und 15 Jahre alt! Was ist nur los mit den Kids in Deutschland?

Büscher:Wir nennen es Vernachlässigung – sogar Verelendung. In Berlin leben 35 Prozent aller Kinder von Hartz IV, dazu kommen noch die so genannten Billiglohn-Familien: Viele dieser Kinder sind vergessen von der Gesellschaft! Sie definieren sich nicht über das, was sie sind – sondern über das, was sie haben. Und das ist sehr oft nichts als der Körper. Die Kids haben kein Geld für Clubs, feiern „Home-Partys“, konsumieren Drogen und Alkohol – und haben Sex. In den allermeisten Fällen ohne Kondom.

Gilt der Sex-Alarm nur für Berliner Jugendliche – oder gibt es das Phänomen auch in München?

In Berlin mag die Lage außergewöhnlich schlimm sein, weil hier die Quote an Familien ohne Perspektive am größten ist. Aber „Arche“ hat überall die gleichen Erfahrungen gesammelt – in Hamburg, Düsseldorf, München.

Worin besteht denn die sexuelle Tragödie?

Alle Kids, die wir kennen, haben einen ganz normalen Traum: Sie wünschen sich eine Zweier-Beziehung, die lange hält, eine Wohnung, ein Auto, eigene Kinder, einen Hund. Doch diese extremen sexuellen Erfahrungen machen völlig beziehungsunfähig – und zwar auf Dauer.

Andere Sexual-Experten sprechen von einer Prüderie-Welle…

Bei unserer Klientel ist davon nichts zu merken – die schaut mit Mama und Papa Hardcore-Pornos! Und diese Bevölkerungsgruppe wird immer größer. Außerdem handelt es sich nicht nur um ein Schichten-, sondern vor allem um ein Vernachlässigungsproblem. Darunter leiden auch Unternehmerkinder.

Was wäre denn zu tun?

Wir fordern drei Dinge: 1. Bildung, 2. Bildung, 3. Bildung. Wir brauchen kleinere Klassen sowie mehr Lehrer. Denn diese Sex-Tragödie ist auch eine Bildungs-Herausforderung.

Interview: Stefan Sippell

Quelle: tz

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