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Der Vatikan unter Druck - Papst in der Krise

Der Vatikan unter Druck - Papst in der Krise

Rom - Proteste von Christen und Juden, Kirchenaustritte und jetzt sogar Rücktrittsforderungen von prominenten katholischen Theologen.

Unter Druck: Papst Benedikt XVI.

© dpa

Unter Druck: Papst Benedikt XVI.

Der deutsche Papst Benedikt XVI (81). gerät nach seiner Entscheidung, den Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson in den Schoß der Kirche zurückzuholen, zunehmend unter Druck. Der israelische Minister für Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, drohte mit dem vollständigen Abbruch der Beziehungen zum Vatikan, „einer Körperschaft, in der Holocaust-Leugner und Antisemiten Mitglied sind“. Der frühere Weggefährte Joseph Ratzingers, der Theologe Hans Küng, erklärte, nach Protestanten und Muslimen habe der Papst nun die Juden vor den Kopf gestoßen. „Es wird Zeit, dass er abgelöst wird.“ Im tz-Interview fordert auch der emeritierte Tübinger Theologe Prof. Hermann Häring den Rücktritt des Papstes:

Das tz-Interview mit Prof. Herrmann Häring, Theologe und Papst-Kritiker

DHerr Professor Häring, Sie haben gemeinsam mit zahlreichen anderen Theologen und Christen eine Petition verfasst, in der sie die uneingeschränkte Anerkennung der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils einfordern. Will dieser Papst die Modernisierung der Kirche rückgängig machen?

Prof. Hermann Häring:Meiner Meinung nach ja – obwohl er selbst das nicht einräumen würde. Der Papst hat mehrfach deutlich gemacht, dass die Entwicklungen nach dem Konzil sich seiner Meinung nach viel zu weit vom christlichen Glauben entfernt haben. Ein wichtiger Punkt war da etwa die Erklärung, die katholische Kirche sei die einzige wahre Kirche – womit er der evangelischen Kirche dieses Recht abspricht.

Der Vatikan argumentiert, dass die Piusbruderschaft in den Schoß der Kirche geholt werden muss, um die Einheit der Kirche zu wahren. Ist das nicht ein ehrenwertes Ziel?

Häring: Das ist ehrenwert, aber nicht um jeden Preis. Denn diese Entscheidung hat die Polarisierung innerhalb der Kirche weiter verschärft. Um einer formalen Einheit willen wird hier ein Prozess in Gang gebracht, der reformorientierte Christen und Theologen an den Rand drängt. Die Piusbruderschaft ist ja nur eine Splittergruppe innerhalb der Gesamtkirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern.

Ist dem Papst hier nur ein Fehler unterlaufen, oder vermuten Sie Methode hinter der Annäherung an solche Ultrakonservativen?

Häring: Ich glaube, dass er schlecht beraten war. Aber es ist ein Skandal, dass übersehen wurde, dass diese Piusbruderschaft – unabhängig von den Äußerungen des Herrn Williamson – notorisch antisemitisch ist. Ich habe die hetzerischen Äußerungen Lefebvres über die Juden und die Kommunisten noch im Ohr! Man wusste, dass er ein guter Freund Francos und Pinochets war. Wenn der Papst das alles wirklich nicht gewusst hat, wäre ihm vorzuwerfen, dass er sich dafür nicht interessiert hat.

Wie kann der Papst das Verhältnis zu den Juden wieder verbessern?

Häring: Erstens: Er muss sich nicht nur für die Holocaust-Leugnung Williamsons, sondern auch für die Rücknahme der Exkommunikation entschuldigen. Zweitens: Er muss die Rücknahme der Exkommunikation selbst aufheben. Und drittens: Er muss endlich dafür sorgen, dass er sich einen kompetenteren Beraterstab zulegt.

Was denken die Christen in Ihrem Umfeld über diese Entwicklung? Gibt es welche, die an Austritt aus der Kirche denken?

Häring: Leider ja. Ein Kollege von meiner Fakultät, der Theologe Jean-Pierre Wils aus Nijmwegen in den Niederlanden, ist vor drei Tagen ausgetreten.

Hans Küng fordert die Ablösung des Papstes. Würden Sie auch so weit gehen, dass es – wie Küng sagt – Zeit für die Ablösung dieses Papstes ist?

Häring: Ja. Wenn dieser Papst der Kirche etwas Gutes tun will, müsste er zurücktreten. Das wäre keine Schande – jeder Bischof muss sein Amt mit 75 Jahren zur Verfügung stellen, jeder Kardinal verliert mit 80 alle seine Rechte. Es ist nicht einzusehen, warum sich ausgerechnet der Papst an diese sehr weise Regel nicht halten sollte.

Interview: Klaus Rimpel

Der Antisemititsmus der Katholischen Kirche hat eine lange, traurige Tradition. Schon die Frühchristen im 2. Jahrhundert machten die Juden für den „Gottesmord“ verantwortlich. Bei den Kreuzzügen im Mittelalter kam es in Trier, Speyer, Worms, Mainz und Köln zu Pogromen, also blutigen Ausschreitungen, gegen die jüdische Bevölkerung. Den Juden wurden Ritualmorde und Hostien-Vergiftungen unterstellt.

Umstritten ist die Haltung von Papst Pius XII. (1939 - 1958) zum Holocaust. Der Dramatiker Rolf Hochhuth veröffentlichte 1963 das Bühnenstück „Der Stellvertreter“, in dem er dem Papst vorwarf, nicht genug gegen den Massenmord des Hitler-Regimes an den Juden getan zu haben. Im Zuge des Vatikanischen Konzils verabschiedete die Kirche 1965 die Erklärung „Nostra aetate“, die die Juden von der Schuld am Kreuzes­tod Jesu freispricht.

Quelle: tz

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