Niemals wurde in diesem unseren Land häufiger und lauter in die Hände gespuckt als 1983: Geier Sturzflug waren wochenlang die Nummer 1 in den Hitparaden, ihr "Bruttosozialprodukt" brachte Preise und Geld.

© Ariola / Sony BMG
Im Oktober wurde das Klassiker-Album "Heiße Zeiten" mit dem Hit "Bruttosozialprodukt" wiederveröffentlicht.
Und heute? Friedel Geratsch, Frontmann der Geier, gibt uns Bescheid – und erzählt über Musik damals und heute.
Ihr „Bruttosozialprodukt“ war erst fünf Jahre nach Erscheinen, damals noch mit Ihrer Band Dicke Lippen, ein Erfolg. Besser spät als nie.
Friedel Geratsch:Das hat wohl erst verspätet den Zeitgeist getroffen. Manche Lieder sind eben ihrer Zeit voraus.
Nach „Bruttosozialprodukt“, „Besuchen Sie Europa“ und „Pure Lust am Leben“ löste sich die Band auf – von 1986 bis 1996 machten Sie „Urlaub“, habe ich gelesen. Ganz schön lang, oder?
Ich machte etliche Schönheits-Reparaturen auf Schönheitsfarms. Aber ehrlich: Viele aus der Band wollten was anderes machen, das Interesse an deutschsprachiger Musik war erloschen, aber ich war ja nie weg von der Musik. Bis heute. Ich schrieb damals etwa für die Straßenjungs und für die ARD-Jugendsendung Moskito so 12, 13 Songs. Zudem kamen ja immer Tantiemen von der GEMA rein. CD-Sampler mit den NDW-Sachen kommen und kamen ja auch immer wieder vor.
Einmal Rampenlicht und zurück – wie gingen Sie damit um?
Die Umstellung vom Tingeln zu Tourneen war das Schwierige: plötzlich dauernd im Rampenlicht, was mir nicht so liegt, ich muss nicht dauernd meine Nase in jede Kamera halten. Als der Hype vorbei war, war das in Ordnung: Ich finde Tingeln nicht anrüchig, ich habe das vorher gemacht und jetzt wieder.
Ich bin Musiker. Gerade produzieren wir unser neues Album Hör auf zu weinen, deswegen konnten wir auch nicht bei der NDW-Tournee mitmachen. Geier Sturzflug ist nach wie vor aktiv: Wir sind zu zweit und spielen vom Autohaus vor 50 Leuten bis zu Stadtfesten vor 5000. Das ist aber sekundär, Hauptsache, die Leute haben Spaß.
Ihr Hund bellt aber ganz schön laut im Hintergrund!
Das ist einer von dreien. Ich habe alle vor dem Tod bewahrt. Einer ist ein Straßenhund aus Portugal, einer läuft nur noch auf drei Beinen und ist aus einem Tierheim in Italien, und der dritte ist aus Spanien.
Sind das besondere Rassen?
Es sind Mischlingshunde, wie die Natur sie hergestellt hat. Wenn ich nicht zu Hause bei Frankfurt bin, kümmert sich meine Frau um sie. Weitere Kinder? Nein, uns genügen diese drei.
In Ihrem Konzertkalender findet man Termine um 23 Uhr – ganz schön heftig, nicht nur für einen 57-Jährigen, oder?
Alles vor Mitternacht geht ja noch! Das geht auch anders: Am 25. Dezember hatten wir zwei Auftritte, der zweite davon um halb drei Uhr früh in Magdeburg, in einer kleinen Halle. Die um diese Uhrzeit auch nicht mehr ganz so voll war.
Frustrierend?
Nein, wie gesagt: Tingeln ist nichts Schlimmes. Wobei es ein wenig schade ist, dass die Leute natürlich Nostalgie wollen. Die alten Nummern, nichts Neues.
Sie waren früher ja auch auf Mallorca tätig, Ballermann und so …
Aber seit fünf Jahren nicht mehr! Wir erhofften uns von diesen Promo-Auftritten einen Kundenstamm für Deutschland, Kegelclub-Veranstaltungen. Das lief aber nicht so, und es gibt Schöneres, als um halb drei Uhr nachts vor einem Haufen Besoffener aufzutreten.
Matthias Bieber
Songtext "Bruttosozialprodukt"
Wenn früh am Morgen die Werkssirene dröhnt
und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt,
in der Montagehalle die Neonsonne strahlt
und der Gabelstaplerführer mit der Stapelgabel prahlt,
ja, dann wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt,
ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
schon wieder ist ein Kranker weg.
Sie amputierten ihm sein letztes Bein
und jetzt kniet er sich wieder mächtig rein,
ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt,
ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wenn sich Opa am Sonntag auf sein Fahrrad schwingt
und heimlich in die Fabrik eindringt,
dann hat Oma Angst, dass er zusammenbricht,
denn Opa macht heute wieder Sonderschicht,
ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt,
ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
A-a-an Weihnachten liegen alle rum un sagen puh-uh-uh-uh.
Der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu.
Die Gabentische werden immer bunter
und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder,
und ab jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt,
ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wenn früh am Morgen die Werkssirene dröhnt
und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt,
dann hat einen nach dem andern die Arbeitswut gepackt
und jetzt singen sie zusammen im
Arbeitstakt-takt-takt-takt-takt-takt-takt:
Ja! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt! Ja, ja, ja!
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt! Ja, ja, ja!
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Quelle: tz



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