022.05.08|Stars|1 Kommentar
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Venedig - Ein Krimi einmal ohne Mord. Dies mindert die Brillianz von Donna Leons "Lasset die Kinder zu mir kommen" aber keineswegs.

© tz
Ein Krimi ohne Mord: Bestsellerautorin Donna Leon.
Kein Mord, nirgends. Aber wer so viel Erfahrung im Krimi-Schreiben hat wie Donna Leon, der kriegt auch mal ohne Leiche einen richtigen Thriller hin: „Lasset die Kinder zu mir kommen“ (Diogenes, 355 Seiten, 21,90 Euro) heißt das jüngste Werk der Amerikanerin aus Venedig, die ihren beliebten Commissario jetzt zum sechzehnten Mal ermitteln lässt, ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen zu zeigen.
In dem Buch, das am Freitag erscheint, malt Leon farbig wie eh und je eine süffige Lagunenstadt-Kulisse, in der wir Brunetti durch Gassen, Kanäle und sogar aufs Festland nach Verona folgen.
Zwischendurch gibt’s genügend Kaffeepausen in Bars, Gespräche mit der charmanten Kommissarsgattin und leckere italienische Mahlzeiten – wie man es halt als (literarischer) Venedig-Tourist gerne hat.
Ach ja, und dann ist da, neben all dem gemütlichen dolce vita, auch noch der „Fall“, mit dem sich Brunetti diesmal beschäftigt. Dabei muss er zunächst die eigenen Leute unter die Lupe nehmen. Genauer: Die Carabinieri, die nachts die Wohnung eines Arztes und seiner Gattin stürmen, im Kinderzimon: Der Arzt ist gar nicht der leibliche Vater „seines“ Kindes, sondern er hat es illegal adoptiert – nämlich einer Albanerin abgekauft. Und diese Praxis scheint weitverbreitet, wie der Commissario bei seinen weiteren Recherchen feststellt. Bleibt bloß die Frage: Wer hat den Arzt verpfiffen?
War es der frömmelde Apotheker aus der Nachbarschaft? Verraten sei nur soviel: Hier tun sich natürlich wieder einmal schicksalhafte Abgründe auf, die einer griechischen Tragödie würdig wären.
Das Ende bleibt, wie so oft bei Donna Leon, vage: Man erkennt nur ein Netz aus Schuldverstrickungen, in dem Täter wie Opfer zappeln und die Unschuldigsten, diesmal die Kinder, auf der Strecke bleiben. Aber das ist – mit oder ohne Mord – das Erstaunliche an dieser Autorin: Dass sie es schafft, ihre Leser ungetröstet zu entlassen in eine Welt ohne Gerechtigkeit. Und ihnen trotzdem das Gefühl zu geben, es sei letztlich alles paletti, solange der kleine heile Familienkosmos von Commissario Brunetti besteht…
Alexander Altmann
Quelle: tz

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