Wie bequem ist die soziale Hängematte?

Wie bequem ist die soziale Hängematte?

019.02.10|Politik & Wirtschaft|67 KommentareFacebook
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A

München/Berlin - Um Hartz-IV-Empfänger ist ein heftiger Streit entbrannt. Die FDP fordert jetzt mehr Strafen. Worum es in der Diskussion geht.

© dpa

Wie bequem ist die soziale Hängematte?

Sozialstaatsdebatte und kein Ende – nun hat sich FDP-Vize Andreas Pinkwart zu Wort gemeldet. Er steht als Landeschef seiner Partei in Nordrhein-Westfalen gerade im Wahlkampf und fordert nun wie sein Parteichef Guido Westerwelle ein härteres Vorgehen gegen arbeitsunwillige Hartz-IV-Bezieher. Wenn die Betreuung in den Arbeitsagenturen weiter verbessert werde, „müssen die Bezüge arbeitsfähiger Hartz-IV-Empfänger, die zumutbare Arbeit verweigern, auch konsequenter gekürzt werden“, verlangt er in der Rheinischen Post. Staatliche Hilfe solle es nur für den geben, der auch zur Gegenleistung bereit sei.

Dem widersprach Heinrich Alt, der als Vorstandsmitglied bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) für die Grundsicherung (Hartz IV) zuständig ist. Arbeitssuchende seien heute eher bereit, für weniger Geld zu arbeiten oder für eine neue Beschäftigung umzuziehen. Er stützt sich dabei auf zwei Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die der tz vorliegen. Worum es in der Diskussion geht:

Müssen die Arbeitsagenturen noch mehr durchgreifen?

Dr. Mark Trappmann, Forschungsbereichsleiter Arbeitsmarkt und soziale Sicherung beim IAB, schätzt das Problem mit arbeitsunwilligen Bezügebeziehern weit geringer ein als Teile der Politik. „Unserem Eindruck nach gibt sich die überwiegende Zahl der Hartz-IV-Empfänger Mühe, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.“ Die Leistungsverweigerer seien ohnehin in der Minderheit. „Mehr als ein Viertel der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen verdient sich als Aufstocker Geld hinzu, jedes Jahr verlässt mehr als ein weiteres Viertel den Bezug wieder.“

Wie bequem ist die soziale Hängematte wirklich?

Offenbar nur mäßig. Das zeigt sich – neben den empfindlichen Sanktionsmöglichkeiten der Arbeitsagenturen (siehe Kasten) – an der Kompromissbereitschaft der Arbeitssuchenden. 81 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger würden auch eine Anstellung annehmen, die unterhalb ihres Ausbildungsniveaus liegt. Rund zwei Drittel könnten mit einem längerem Arbeitsweg, größeren Belastungen am Arbeitsplatz und ungünstigeren Arbeitszeiten leben. Beim Wohnen hört aber für die meisten das Entgegenkommen auf. Nur knapp 30 Prozent der IAB-Befragten wären zu einem Unzug „auf jeden Fall“ oder „eher“ bereit. Immerhin die Hälfte würde lieber überhaupt einen neue Stelle haben, als dort auch angemessen bezahlt werden.

Was erwartet Wiedereinsteiger in der Berufswelt?

Tatsächlich sind die Löhne für Wiedereinsteiger relativ gering: Annähernd jeder Zweite verdient weniger als 7,50 Euro brutto pro Stunde. Nur jeder Dritte schafft den Sprung in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung und mehr als ein Viertel arbeitet unterhalb seines Ausbildungsstandes.

Bedeutet mehr Sozialleistung automatisch mehr soziale Hängematten?

In den Niederlanden kassieren Arbeitslose bis zu 14 Monate länger ein um zehn Prozentpunkte höhereres Arbeitslosengeld als in Deutschland; die Grundsicherung dort übersteigt mit 649 Euro den Hartz-IV-Regelsatz von 359 Euro deutlich. Trotzdem ist die Arbeitslosenquote mit vier Prozent beinahe nur halb so groß wie bei uns. IAB-Experte Dr. Trappmann will den Spezialfall Niederlande zwar nicht verallgemeinern, sagt aber: „Es greift zu kurz, wenn man denkt, nur mit einem vernünftigen Lohnabstand könne man die Leute dazu bewegen, wieder in Arbeit zu gehen. Arbeit hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit, auf Lebenszufriedenheit. Es geht nicht nur um das Geld, ein Großteil will einfach wieder die Anerkennung, die man durch einen Job erfährt.“

Woher kommt die Diskussion?

Dr. Trappmann: „Da möchte sich eine Partei positionieren, die sagt: ,Wir stehen für die Leistungsträger der Gesellschaft.‘ Der Schaden, der durch die wenigen Nichtarbeitswilligen entsteht, die Sozialleistungen vom Staat kassieren, ohne grundsätzlich bereit zu sein, Gegenleistungen zu bringen, sei allerdings viel kleiner als der durch Steuerhinterziehung oder der durch die Finanzkrise entstandene Schaden. „Aber das Thema eignet sich, um Wahlkampf zu machen. Es hat ja auch zu sehr viel Widerspruch geführt …“

Michael Brommer

50 Fakten über Hartz IV

zurück zur Übersicht: Politik & Wirtschaft

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...
Schliessen

Artikel empfehlen!

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Aktuelle Fotostrecken

München|0

Karl Valentins Foto-Sammlung vom alten München

Karl Valentins Foto-Sammlung vom alten München

Mehr Sport|4

Kickbox-Weltmeisterin Christine Theiss: Schön, klug und knallhart

Christine Theiss: Schön, klug und knallhart

München|1

Partybilder vom Wochenende

Partybilder vom Wochenende

Top Artikel aus Politik & Wirtschaft

  • Meist gelesen
  • Meist kommentiert
Ex-CSU-General Goppel wirft Union Beliebigkeit vor

München - Der frühere CSU-Generalsekretär und eheamlige bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel wirft der Union mit Blick auf die schlechten Umfragewerte im aktuellen ARD-Deutschlandtrend Beliebigkeit vor.Mehr...

Sarrazin: Der Fakten-Check

München - Ist Thilo Sarrazin ein Mahner? Oder ein Brandstifter? Die tz überprüft, was an Sarrazins Thesen dran ist und unterzieht sie einem Fakten-Check.Mehr...

Sarrazin: Der Fakten-Check

München - Ist Thilo Sarrazin ein Mahner? Oder ein Brandstifter? Die tz überprüft, was an Sarrazins Thesen dran ist und unterzieht sie einem Fakten-Check.Mehr...

Alexander Dobrindt
Dobrindt: EU-Gelder für Türkei stoppen

München/Brüssel - Im Streit um einen EU-Beitritt der Türkei geht die CSU in die Offensive: Angesichts der stockenden Verhandlungen, dem wachsenden Widerstand gegen eine Vollmitgliedschaft des vorderasiatischen Landes sowie der Finanzkrise fordert CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die Fördergelder der EU an Istanbul zu stoppen.Mehr...

Aktuelle Videos

Weiteres aus Politik & Wirtschaft

Familiendrama: Vater wollte Kinder ertränken
Familiendrama: Vater wollte Kinder ertränken

Kassel - Schreckliche Details im Familiendrama in Nordhessen: Der Vater, der sich in seinem Auto in die Luft sprengte, versuchte zuvor seine Kinder in einem Fluss zu ertränken.Mehr...

Ölbohrinsel im Golf von Mexiko explodiert
Schon wieder: Ölbohrinsel im Golf von Mexiko explodiert

Grand Isle - Schon wieder ist eine Öhlbohrinsel im Golf von Mexiko explodiert. Das berichtete die US-Küstenwache am Donnerstag.Mehr...

Einbürgerungstest

Einbürgerungstest

Viele fragen sich: Würde ich selbst eingebürgert werden? Prüfen Sie Ihr staatsbürgerliches Wissen!Zum Test...

AktuellesSportCommunityFreizeitServiceAnzeigenAbo

Artikel lizenziert durch © tz-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.tz-online.de