Diskussion um Bayerns Bild in den Medien: Volkstümlich oder volksdämlich?

Volkstümlich oder volksdämlich?

404.08.09|München|93 KommentareFacebook
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München - Der Trachtler-Boykott gegen den Bayerischen Rundfunk hat eine neue Diskussion um Bayerns Bild in den Medien entfacht: Volkstümlich oder volksdämlich?

© Sigi Jantz

Blasmusik, fesche Dirndl und Bier: So sieht die heile Bayern-Welt bei Dahoam is Dahoam aus (Foto: Die Schauspieler Horst Kummeth und Doreen Dietel). Auch bei der Erfolgsserie regte sich anfangs Kritik

Man habe genug von „volksdümmlichen Sendungen“, die bayerische Seppl-Klischees bedienen. Man wolle nicht helfen, seichte Kost auf die Mattscheibe zu bringen, die mit dem Etikett „Bayerisches Brauchtum“ versehen sei. Mit diesen Argumenten haben die Mittenwalder Schuhplattler den Bayerischen Rundfunk ausgebremst – sie wollen nicht beim geplanten Film Keiner geht verloren mitwirken. Harter Tobak, der nun weitere Wellen schlägt.

„Wenn sie nicht mitmachen, dann halt nicht“, kontert der BR. Man sehe das sehr gelassen, sagt Sprecherin Regine Venn. Die Produktion sei für den Sendeplatz am Mittwoch um 20.15 Uhr geplant, die Verantwortlichen von Keiner geht verloren hätten für den Polizeiruf Rosis Baby sogar Preise bekommen. „Die Reaktion ist überzogen und unverständlich. Offenbar haben die Trachtler dort schon schlechte Erfahrungen gemacht, aber sicher nicht mit dem BR.“ Man verstehe nicht, dass sich die Betroffenen nicht freuten, ihr Brauchtum zu zeigen – nur so könne das Bild des Bayern im TV auch wirklich authentisch rüberkommen.

Volkstümlich oder volksdämlich? Die Darstellung der Bayern in den Medien sorgt immer wieder für Diskussionen. Otto Dufter, der Vorsitzende des Bayerischen Trachtenverbands, versteht die Weigerung der Trachtenvereine: „In den Medien wird oft nur ein oberflächliches Bild gezeigt, das es in der Realität gar nicht gibt.“ Er habe im Fernsehen etwa einmal Madl auf einer ungemähten Wiese schuhplatteln sehen. „Das würde normal niemand machen.“

Musiker Biwi Rehm aus Garmisch, der mit seinem Bruder Waggi mit Volksmusik berühmt wurde, sieht das ähnlich: „Ich kann die Reaktion der Vereine nachvollziehen.“ In den Medien werde heute viel als bayrisches Brauchtum verkauft, was gar keines sei. „Auch im Radio läuft kaum noch echte Volksmusik, auch wenn sie als solche bezeichnet wird. Trachtenvereine sind dazu verpflichtet, sich für das echte Brauchtum einzusetzen. Deshalb müssen sie sich solchen Filmen auch verweigern!“

Gabriele Pfennigsdorf, die stellvertretende Geschäftsführerin des Film- und Fernsehfonds Bayern, führt dagegen an, dass gerade bayerische Filme und Serien eine lange und erfolgreiche Tradition haben: „Isar 12, Kir Royal, Zwei Münchner in Hamburg, Um Himmels Willen – viele davon gingen in die neunte oder zehnte Staffel und werden jahrelang wiederholt.“ Und im Kino erlebe der bayerische Film gerade eine Renaissance (Wer früher stirbt, ist länger tot, Brandner Kaspar).

Was macht den Erfolg aus? „Der Mensch sehnt sich gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit nach einem Zuhause, in dem die Welt in Ordnung ist. Die bayerischen Filme und Serien heben dieses Gefühl hervor und schämen sich nicht dafür, zu ihrer Heimat zu stehen.“

Das Problem: Um dieses Bild der weiß-blauen Idylle, das auch die Preiß’n lieben, zu bedienen, wird manches oft nur einseitig dargestellt. „Bei Berichten über Volksfeste etwa hält die Kamera lieber auf den beleibten, älteren Herren mit hochrotem Kopf drauf, weil der besonders g’miatlich aussieht.“ Den letzten großen Ärger gab es zu Beginn der Erfolgs-Serie Dahoam ist Dahoam (Marktanteil von teils über 20 Prozent).

Die Kritik der Dialektforscher: Das dort gesprochene Bairisch sei bloß eine angepasste, verkitschte Form des Dialekts. Eben dieses Beispiel zeigt allerdings auch, dass man letztendlich auch bei solchen Glaubensfragen wieder zueinander finden kann: Der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte, einer der größten Kritiker von Dahoam ist Dahoam, hat sich für das Fanfest der Sendung angekündigt.

N. Bautz, C. Schmelzer

Kernige bairische Sprüche plus Übersetzung

„Der Bayer will es doch so…“

Das Bild der Bayern in den Medien – volkstümlich oder volksdämlich? Die tz hat mit der Münchner Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher über Klischees gesprochen.

Frau Kinseher, worüber regen Sie sich auf, wenn Sie Filme über Bayern sehen?

Luise Kinseher: Über die g’standene bayerische Frau mit viel Holz vor der Hütt’n und großem Herz.

Daran ist doch eigentlich nichts auszusetzen…

Kinseher: Doch, wenn sie wie so oft gefällig und lieb dargestellt wird. Mir fehlt das Widersprüchliche, das jeder Mensch hat. Die Frau, die nachdenkt, hinterfragt und auch kritisch ist. Das gängige Bild ist verlogen. Ich habe mich immer gewehrt, diesem Klischee zu entsprechen. Der Bayer ist komplexer – und nicht alle Filmemacher können das rüberbringen.

Haben Sie Beispiele?

Kinseher: Ich möchte keine Negativbeispiele nennen. Aber einer, der es kann, ist Franz Xaver Bogner. Der schafft es, komplexe, interessante Charaktere zu zeigen. Deshalb habe ich auch gerne bei München 7 mitgespielt. Bogner ist ein gutes Beispiel, wie paradox das Thema ist. Selbst beim Bayerischen Rundfunk gibt’s bessere und schlechtere Beispiele.

Wieso paradox?

Kinseher: Der Bayer ist an den Klischees nicht unschuldig. Er hat ja selbst ein zwiespältiges Verhältnis zu sich und seiner Außenwirkung. Er ist ein großer Außendarsteller und pflegt das Image gerne, indem er sich Weißwurst zuzelnd vor die Kamera stellt. Die meisten Filme werden ja auch von Bayern gedreht. Wahrscheinlich liegen die Wurzeln Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Tourismus hier mithilfe solcher Bilder und Klischees erfolgreich vorangetrieben wurde. Solange die Bilder beibehalten werden, reagiert der Rest Deutschlands positiv – deshalb bedient der Bayer sie. Und gleichzeitig regt er sich dann auf, wenn er so dargestellt wird.

Zurecht?

Kinseher: Meiner Meinung nach darf er sich nur aufregen, wenn dieses Bild so sehr überzogen wird, dass es nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Beispiel volkstümliche Musik: Diese Kitschwelt wurde eigens für den Erfolg dieser Sendung erschaffen. Mit bayerischer Volksmusik hat das nichts zu tun. Trotzdem denkt das die halbe Welt.

Interview: N. Bautz

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