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Sex im Internet – Pro familia schlägt Alarm: Pornos verunsichern unsere Jugend

Sex im Internet – Pro familia schlägt Alarm:

Pornos verunsichern unsere Jugend

Männer können zehn Mal hintereinander. Alle Erwachsenen haben Gruppensex. Das denken Jugendliche von heute tastächlich.

paar

© dpa

Will sie wirklich? Ist er cool genug? Immer mehr ­Jugendliche konsumieren Sexfilme und -bilder und bekommen ein verzerrtes Bild von Sexualität. Das setzt sie unter Druck.

„Pornobilder aus dem Internet verunsichern unsere Jugendlichen“, warnen die Sexualpädagogen von pro familia München. Die Sexualisierung der Medien führe zu falschen Vorstellungen und setze die Teenies unter Druck – und bleibe nicht ohne Folgen für deren Sexualleben.

Wenn der pro familia-Pädagoge Andreas Kempf bei Schülern nachfragt, wie viele Menschen wohl Sadomaso-Praktiken ausprobieren, schätzen diese: 60 Prozent. „Wenn ich antworte, dass es schätzungsweise fünf bis zehn Prozent sind, fallen sie aus allen Wolken.“ Schuld an den falschen Vorstellungen seien zum größten Teil die Pornobilder und           -filme, die Jugendliche im Internet oder auf den Handys im Schulhof konsumieren. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums nutzen 93 Prozent der elf- bis 14-Jährigen das Internet. Der neuesten Bravo-Studie zufolge hatten 79 Prozent der 14- bis 17-Jährigen bereits Kontakt mit Pornografie. „Es passiert, dass Eltern zu uns kommen,weil sie unter dem Bett ihres 14-jährigen Sohnes Sadomaso-Gegenstände gefunden haben. Sie stehen dieser Welt vollkommen hilflos gegenüber.“ Die Nachfrage nach Hilfe war 2008 so groß, dass pro familia zum ersten Mal öfter absagen (51 Klassen) als zusagen (46) musste.

Bei ihren Terminen merken die Pädagogen, dass Jugendliche sich schwer tun, das Gesehene einzuordnen. „Exotische Praktiken oder das Männer- und Frauenbild, das dort teils vermittelt wird, wird als normal beurteilt“, so Pädagoge Kempf. Die Folge: Jungs wie Mädchen fühlen sich unter Druck gesetzt, diesem Bild zu entsprechen. „Für Erwachsene ist das schwer nachvollziehbar. Aber man muss bedenken, dass die Verunsicherung in der Pubertät groß ist. Das wichtigste ist dann, vermeintlich normal zu sein und dazuzugehören“, sagt Pädagogin Bettina Niederleitner. „Jungs denken, potent, männlich und cool rüberkommen zu müssen.“ Bei Mädchen setzten die medial vorgeführten Körper Standards und erhöhten den Druck „Bin ich schön genug?“. Intimrasur etwa werde immer mehr zum Muss. Der Pornokonsum rufe vor allem Verunsicherung hervor. Mädchen hätten Schwierigkeiten, Lust zuzugestehen, andererseits Forderungen der Jungen abzuwehren. „Wir hören oft Fragen wie: ‚Muss ich denn alles machen, was mein Freund will?“

Im schlimmsten Fall fördert der Sexdruck Teenie-Schwangerschaften, weil die Jugendlichen denken, das erste Mal früh haben zu müssen – und das, obwohl sie sehr leicht vom anderen Geschlecht zu beeinflussen oder noch zu wenig aufgeklärt sind. Wenn an die Verhütung gedacht wird, dann oft zu spät: 2006 gaben sechs Prozent der bei der Bravo-Studie befragten Jugendlichen an, bereits die „Pille danach“ genommen zu haben, 2009 waren es elf Prozent. Eine gefährliche Entwicklung: „Die Pille danach ist ein hoch­dosiertes Hormonpräparat mit Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Der normale Zyklus wird gestört“, warnt Frauenärztin Vivian Pramataroff-Hamburger, die in München Teenager-Sprechstunden anbietet.

Wie aber können Eltern und ­Pädagogen eingreifen? „Den Porno-Konsum kann man heute schwer verbieten. Die Jugendlichen finden einen Weg“, so Pädagoge Kempf. „Die einzige Möglichkeit sind offene Gespräche, in denen Teenagern vermittelt wird, dass dieses Bild von Sexualität verzerrt ist. Die meisten reagieren erleichtert, weil es ihnen einen Teil ihrer Sorgen nimmt.“

Nina Bautz

So ticken die Teenager wirklich

Das sind die Fakten aus der Bravo-Studie 2009:

- Jedes vierte Mädchen und knapp die Hälfte der Jungs würde mit jemanden zu schlafen, in den er/sie nicht verliebt ist.

- Zwei Drittel der 14-bis 17-Jährigen haben schon Pornos gesehen. Sechs (Jungs) bzw. 11 (Mädchen) Prozent haben mit 13 Jahren ihr erstes Mal hinter sich.

- Nur 15 Prozent der Jungs und 27 Prozent der Mädchen reden mit Eltern darüber.

- Bei 79 Prozent der Mädchen und 85 Prozent der Jungs war das erste Mal „eher spontan“.

- Die erste Beziehung haben die meisten mit 13 bis 15 Jahren.

- Jeder Zehnte verhütet beim ersten Mal nicht.

Das sind unsere Sorgen beim Sex

Die Schwabingerin Natalie (18) erzählt, unter welchem Druck Mädchen heute stehen. In dem Buch Sex, Liebe oder was? beschreibt die Zahnarzthelferin ihre Erinnerungen

„S. und ich fanden, dass wir es endlich hinter uns bringen sollten, wir waren ja beide schon 14. Wer würde es mit uns machen? Wir überlegten. Der M.! Wir wussten, dass er mit vielen Mädchen schlief. Wir riefen also bei M. an. „Du, wir hätten gern unser erstes Mal!“ Er hat das ganz cool gesehen und war gleich einverstanden.  

Mit M. ist es letztlich gar nicht passiert, weil ich so verkrampft war – sondern ein Jahr später, mit meinem damaligen Freund. Entspannt war das auch nicht, weil wir nicht verhütet haben. Ich hatte Angst, dass er, wenn er kurz davor extra aufstehen muss, um ein Kondom zu holen, genervt ist und es sich anders überlegt.

Viele Mädchen in meinem Bekanntenkreis schlafen ab und zu mal ohne Verhütung. Oft setzen einen die Jungs unter Druck und gehen so schnell ran, dass man sich nicht traut, sie zu unterbrechen – vor allem, wenn der Typ älter ist und man auf ihn steht. Dann hat man Angst, dass ihn das Thema Verhütung abtörnt oder er am nächsten Tag bei Kumpels schlecht über einen redet. Die Pille nehmen viele nicht, weil sie Angst haben, fett zu werden.

Nach dem Sex muss man dann entweder zittern und hoffen, nicht schwanger zu sein – oder die Pille danach nehmen. Es ist zwar peinlich, sich die beim Arzt zu holen, aber die Pille danach ist geschickt, und man merkt danach kaum etwas. Natürlich ist das unvernünftig. Ich persönlich würde das heute auch nicht mehr machen – vor allem, weil meine Mutter mit 16 ungewollt mit mir schwanger wurde … Aber in dem Augenblick, wo du mit dem Typen zusammen bist, hast du solch eine Angst, ihn zu verlieren oder dich zu blamieren, dass das wichtiger ist.

Mädchen haben es besonders schwer: Wenn wir länger mit dem ersten Mal warten, gelten wir als ewige Jungfrau. Gleichzeitig wollen wir begehrt werden und geben oft nach, wenn der Typ Sex will. Wer das zu oft macht, gilt als Schlampe. Manchmal denke ich, wir können es gar nicht richtig machen.“

nb

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