Nockherberg: Die Barnabas-Krise

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604.03.10|München
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München - Es brennt unterm Dach von Paulaner am Nockherberg. Drei Predigt-Passagen könnten Bruder Barnabas den Kopf kosten.

© AP

Fastenprediger Michael Lerchenberg

Nachdem Fastenprediger Michael Lerchenberg angesichts der Sozialpolitik von Vize-Kanzler Guido Westerwelle (FDP) das Horrorszenario Konzentrationslager heraufbeschworen hatte, empörte sich Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, und spricht von einer „Schande“ für den Nockherberg. Und Westerwelle schickte Paulaner-Chef Andreas Steinfatt einen bitterbösen Brief. Auch die Gewerkschaften der Polizei laufen Sturm. Lerchenberg hatte den Ordnungshütern vorgeworfen, beim Amoklauf von Ansbach, der Ermordung Dominik Brunners und den tödlichen Schüssen auf einen Regensburger Schüler falsch bzw. zu langsam reagiert zu haben. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte am Donnerstag eine Entschuldigung. Die Polizeigewerkschaften verlangen, Lerchenberg als Fastenprediger abzusetzen. Paulaner-Chef Steinfatt hat für Freitag eine Krisensitzung einberufen.

Diese drei Predigt-Passagen könnten Bruder Barnabas den Kopf kosten:

- „Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er (Guido Westerwelle, Anm. d. Red.) in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Zaun. Zweimal am Tag gibt’s a Wasser­supp’n und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk, und überm schmiedeeisernen Ausgang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im ­Gelbhemd steht: „Leistung muss sich wieder lohnen.“
Lerchenberg spielte damit auf die zynische Parole „Arbeit macht frei“ am Tor von Konzen­trationslagern wie Auschwitz an. Auch das Wort „Gelb­hemden“ hat es in sich: Die Mit­glieder der SA ­waren wegen ihrer Uniform als „Braunhemden“ und die der SS als „Schwarz­hemden“ verschrien.

© dpaZentralratspräsidentin Charlotte KnoblochCharlotte Knobloch: „Bei allem Respekt für die künstlerische Freiheit ist eine Grenze überschritten worden, die nicht hinnehmbar ist. Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande für die ansonsten gelungene Veranstaltung.“ Einen derartigen „Ausrutscher unter der Gürtellinie“ habe sie noch nie erlebt, sagte Knobloch, die schon seit vielen Jahren am Nockherberg zu Gast ist.

OB Christian Ude (SPD) hält Lerchenberg zugute, dass er die Nazi-Opfer „ganz sicher nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Aber es ist ein Grundfehler, einen demokratischen Streit mit dem NS-Regime zu vergleichen. Das bedeutet immer, das Leid der Opfer zu verharmlosen. Nach 60 Jahren müsste jeder gelernt haben, dass der Vergleich mit totalitären Schergen unangemessen ist.“

Das Singspiel: Seine Stars und ihre Doubles

Auch Westerwelle entrüstet sich. In einen Brief an Paulaner-Chef Steinfatt kündigte der Vize-Kanzler an, nie wieder zu einer Salvatorprobe zu kommen (siehe Original-Brief links).

Steinfatt sagte der tz: „Ich werde persönlich mit Herrn Westerwelle Kontakt aufnehmen.“ Er entschuldigte sich für den KZ-Vergleich: „Wir bedauern sehr, dass in der Fastenpredigt eine Grenze überschritten und ein Tabu verletzt wurde.“ Bereits in der Vorbesprechung der Bußpredigt habe man die Passage als kritisch und grenzwertig empfunden. Allerdings sei die Passage in der live vorgetragenen Fastenpredigt gegenüber der ursprünglich freigegebenen Fassung deutlich verschärft worden.

Michael Lerchenberg reagierte zunächst mit Unverständnis auf die Vorwürfe von Knobloch. „Ich habe KZ-Opfer nicht verhöhnt oder gering geschätzt.“ In einer späteren Stellungnahme ruderten Lerchenberg und Co-Autor Christian Springer am Donnerstag zurück: „Wir bedauern zutiefst, mit der Satire der Fastenpredigt die Gefühle anderer verletzt zu haben. Dies war nie in unserem Sinn. Wir haben versucht, den Stil barocker Predigen künstlerisch einzusetzen.“ Zu spät? Andreas Steinfatt kündigte eine Krisensitzung für den Freitag an: „Wir werden alle Dinge zusammentragen und dann entscheiden, wie es weitergeht.“

- Und Dinge, die zusammengetragen werden müssen, gibt es viele: Denn Lerchenberg war nicht nur mit dem KZ-Vergleich daneben gelegen. Er griff die bayerische Polizei scharf an: „Wenn ein Verrückter über ein Ansbacher Gymnasium herfällt, braucht die Polizei elf langsame Minuten! In Solln (es geht um die Ermordung Dominik Brunners, Anm. d. Red.) braucht die Polizei zwölf langsame Minuten. Aber wenn in Regensburg zwei überforderte Polizisten zwölf Mal auf einen Geisteskranken schießen, davon vier Schuss wie einst beim Jennerwein von Hinten, dann wird gaaanz langsam ermittelt – wenn überhaupt.“

Minister Herrmann fordert eine Entschuldigung. Die Polizeigewerkschaften wehren sich: „Da hört sich der Spaß auf, Herr Lerchenberg!“ Als „lahme, schießwütige und prügelnde Truppe“ fühlt sich die Polizei diffamiert.

- Verbale Watschn auch fürs USK: „Dafür häufen sich die unrühmlichen Prügelauftritte des Amnesty International bekannten Münchner USK. USK heißt: Unidentifizierbares Schläger Korps.“

Harald Schneider von der Polizei-Gewerkschaft GdP wettert: „Er hat den Bogen deutlich überspannt.“ Für seinen Kollegen Hermann Benker von der DPolG „drängt sich die Frage auf, ob Lerchenberg als Fastenprediger noch tragbar ist“.

Wenigstens am Abend danach sah Michael Lerchenberg seinen Fehler ein: „Wir haben die Wirkung der Rede bedauerlicherweise falsch eingeschätzt.“

Simone Herzner

Promis auf dem Nockherberg

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