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Nach 13 Jahren ließen ihre Eltern sie schweren Herzens für tot erklären

Sonja, wo bist du nur?

Für die Rechtspfleger am Münchner Amtsgericht war es ein rein formaler Akt.

Da war die Welt noch in Ordnung: Sonja mit ihrer fröhlichen Mama.

© privat

Da war die Welt noch in Ordnung: Sonja mit ihrer fröhlichen Mama.

Eine so genannte „Allgemeine Verschollenheit“, die nach gründlicher Prüfung und Wahrung aller Fristen mit einem Siegel unter der offiziellen Todeserklärung endete. Für Sonjas Familie dagegen war dieser bedrückende Verwaltungsakt der verzweifelte Versuch, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Einen Schlussstrich unter all die Jahre der tiefsten Verzweiflung, der enttäuschten Hoffnungen, der schwindenden Kräfte. Der Versuch, inneren Frieden zu finden und einen Weg zurück in ein halbwegs normales Familienleben. Das doch nie mehr normal sein kann. Weil noch immer der erste und der letzte Gedanke jedes neuen Tages Sonja gilt – jenem bildschönen, blonden Mädchen, das vor 13 Jahren mitten in München verschwand. Und zwar so erschreckend spurlos, dass sich in all den Jahren nie ein konkreter Fahndungsansatz ergab.

Im April 1995 wohnte Sonja Engelbrecht (19) bei ihren Eltern in Laim, besuchte die Wirtschafts-Fachoberschule und machte ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei. Das schöne Mädchen mit den langen, blonden Haaren hatte viele Verehrer, aber keinen festen Freund. Die Schülerin ging gern und oft aus – aber stets im Schutz ihrer Clique. Und sie teilte sich mit ihrer Schwester ein kleines Auto, das die Eltern ihren Töchtern geschenkt hatten. Damit holten sich die beiden gegenseitig ab, wenn es mal spät geworden war.

So war es auch in der Nacht zum 11. April 1995. Sonja war mit ihren Freunden im Lokal „Vollmond“ in der Schleißheimerstraße gewesen. Um 2.30 Uhr begleitete Schulfreund Robert (18) Sonja zum Stiglmaierplatz. Dort verschwand die 19-Jährige mal kurz im Gebüsch, war aber schnell wieder da: „Ich fühle mich beobachtet. Ich rufe jetzt meine Schwester an“, sagte sie ängstlich. Fürs Taxi hätte ihre Barschaft von 1,20 Mark nicht mehr gereicht. Robert lieh ihr seine Telefonkarte, begleitete sie sogar noch zur Telefonzelle. Dann jedoch kam seine Tram. Er verabschiedete sich und fuhr davon. Wie hätte er ahnen sollen, dass es ein Abschied für immer war …

Ihre Schwester hat Sonja in dieser Nacht nicht mehr angerufen und auch keinen ihrer Freunde. In den Tagen danach suchte die Polizei mit großem Aufgebot die ganze Umgebung ab. Doch weder Sonjas Ausweis, noch ihr Schlüssel wurden je gefunden – ebenso wie ihre Kleidung im Stil der 70er, für die sie schwärmte. Die schlanke, langbeinige Schönheit war in dieser Nacht komplett schwarz gekleidet und trug ihr blondes Haar offen über der Lederjacke mit langem, spitzen Kragen – ein auffälliger Kontrast.

Mit Drogen und Sekten hatte Sonja nichts im Sinn. Ihr Verhältnis zur Familie war ungetrübt. Kein Kummer belastete ihre Seele und die Schule machte ihr Spaß. So übernahm die Mordkommission 15 Tage nach ihrem Verschwinden den Vermisstenfall Engelbrecht.

Die Stunden, die Tage, die Monate zerrannen. Die Schule begann wieder – ohne Sonja. Das erste Weihnachten – ohne Sonja. Ihr 20. Geburtstag am 4. April 1996, der eigentlich groß gefeiert werden sollte. Jeder Tag ohne Sonja hielt scharfe Ecken und Kanten bereit, an denen sich die Familie unentwegt verletzte. Am schlimmsten war die Hilflosigkeit. Familie Engelbrecht und alle Freunde wurden auf ihre Weise aktiv. Sie gingen in die Radio-Studios, klebten Hunderte von Suchzetteln mit Sonjas Konterfei an Wände und Laternen. Sie klapperten sämtliche Kneipen ab, gaben 8000 Mark für einen unzuverlässigen Privatdetektiv aus, lasen Bücher über Sekten und Satanskult und ließen sich von Wahrsagern beraten. Im Mai 1995 eröffnete die Mordkommission den Eltern: „Wir müssen davon ausgehen, dass Sonja das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Wir können nur warten, bis ihre Leiche gefunden wird.“

Warten, warten, warten – unerträglich für die Mutter, die sich nicht mit Sonjas Tod abfinden konnte. Tapfer sagte sie immer wieder: „Solange Sonjas Leiche nicht gefunden wird, hoffe ich. Mein Herz sagt mir: Sonja lebt und kommt zurück.“ Sie nahm Kontakt auf mit Sektenpfarrern und gleichgesinnten Eltern. Sie kaufte einen Videorecorder. Damit nahm sie jede Vermisstensendung, jeden Bericht über Mädchenhändler und Sekten-Aktivitäten auf.

Bei ihren Recherchen stieß Mutter Engelbrecht tatsächlich auf seltsame Parallelen an der Maria-Ward-Schule in Nymphenburg, die auch Sonja früher besucht hatte. Drei Schülerinnen dieser Schule fielen Verbrechen zum Opfer. Ingrid Sonnleitner (18) verschwand im Januar 1983. Sie wurde nie mehr gefunden. Im Dezember 1994 wurde die Schülerin Stephanie Karl (18) ermordet. Ihr Mörder Mario Abend (35) hätte es beinahe geschafft, ihre Leiche für immer im Müllverbrennungswerk verschwinden zu lassen.

Der gewaltsame Tod der Mitschülerin hatte Sonja tief erschüttert. Sie hatte ihre Unbefangenheit verloren und war seitdem nach Einschätzung ihrer Mutter noch vorsichtiger im Umgang mit Fremden geworden ….

An jeder deutschen Grenze lag damals im Frühjahr 1995 Sonjas Foto, Interpol war eingeschaltet. Auch Freund Robert wurde wieder und wieder vernommen. Bald jedoch war sich die Kripo sicher, dass er nichts mit Sonjas Verschwinden zu tun hatte. Sogar der kleine Garten von Sonjas Familie wurde umgegraben – „weil wir es uns nicht erlauben dürfen, auch nur irgendeinen Aspekt zu übersehen,“ sagte damals ein Polizeisprecher entschuldigend.

Über 80 Zeugen, Verwandte, Bekannte und Freunde hat die „SoKo Sonja“ damals vernommen. Auf 400 Seiten sind die Vorlieben, die Abneigungen, die kleinen Geheimnisse des Mädchens dokumentiert. Auch die Tatsache, dass Sonja zuweilen eben doch entgegen der Abmachung heimlich per Anhalter heimgefahren war nach Laim. Darum gehen die Ermittler davon aus, dass Sonja in jener Nacht in das Auto ihres Mörders stieg. Für diese Theorie jedoch gibt es bis heute keinen Beweis.

Hinweise nimmt die Münchner Mordkommission unter Tel. 089/ 29 10-0 entgegen.

Quelle: tz

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