1214.07.08|München|14 Kommentare
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Garmisch-Partenkirchen - Was treibt Menschen bei Regenschauern und eisigen Temperaturen dazu, einen 3000 Meter hohen Berggipfel zu erstürmen? Dr. Boris Mundweil (35) erzählt, warum er lief, bis ihn die Veranstalter stoppten …

© Westermann
Dr. Boris Mundweil (35) stand zwar am Montag wieder in seiner Zahnarztpraxis, die Eindrücke vom Zugspitzlauf machten ihm aber noch schwer zu schaffen.
"Hör auf, denk an deine Hände, dir erfrieren die Hände, die brauchst du doch noch, du stehst doch morgen wieder in der Praxis …" Immer und immer wieder warnt die innere Stimme den Münchner Dr. Boris Mundweil (35), doch der Zahnarzt läuft weiter – immer weiter in Richtung Zugspitzgipfel. Trotz strömenden Regens und eiskalter Windböen. „Es sind die Endorphine, das Glücksgefühl, das einen antreibt.“ Und natürlich der Ehrgeiz: „Ein Freund von mir lief weiter vorn.“ Dass der Mediziner das Drama um den Zugspitz-Extrem-berglauf am Sonntag trotzdem unbeschadet überstand, verdankt er dem Umstand, dass die Strecke für ihn ab der Zugspitzstation Sonnalpin schon gesperrt war. „Ich wär wohl weiter gerannt“, gesteht er.
Dabei ist Mundweil alles andere als leichtsinnig. Er geht am Sonntag kurz nach neun Uhr gut vorbereitet und ausgeruht an den Start. Mit Ehefrau Tamara und Sohn Luka (4) ist er extra schon am Vortag angereist. Und er ist gut informiert – auch übers Wetter. „Regen und Temperaturen von minus 1 bis minus 3 Grad sind angekündigt. Aber ein Freund, der bei schlechten Bedingungen schon gelaufen ist, meint, das sei kein Problem …“
Immer mehr Sportler trudeln ein. Mitarbeiter des Restaurants kümmern sich um die ausgepumpten Athleten. Mundweil führen sie in einen Konferenzraum, der gerade als Notquartier hergerichtet wird. Zwei Läufer liegen dort schon auf dem Boden. Mundweil: „Sie schrien vor Kälte.“ Eine junge Frau schleppt alles an, was irgendwie zum Wärmen taugt – sogar Tischtücher. Ein Läufer nimmt sich Mundweils an, wickelt ihn fest in eine Decke, massiert ihm Kopf und Glieder und beruhigt ihn. „Er meinte, dass ich jetzt eine halbe Stunde zittern werde, dann werde es besser.“ Der Arzt ist geschockt: Erst jetzt merkt er, wie ausgelaugt er ist. Aber nach einer halben Stunde ist er tatsächlich wieder o.k. und kann selbst mit anpacken. Das ist nicht immer einfach. „Einige wollten sich aus Scham nicht ausziehen. Aber die nassen Sachen mussten runter.“ In eine Decke gehüllt und barfuß fährt Mundweil schließlich zum Gipfel, wo die Rucksäcke mit den Wechselklamotten der Läufer deponiert sind. Dann geht’s talwärts. Um 15 Uhr schließt er Frau und Kind in die Arme. Aber er ahnt da schon die Tragödie. „Als ich dann in den Nachrichten hörte, dass es zwei Tote gegeben hat, liefen mir die Tränen …“
Hätte das Drama verhindert werden können? Der Arzt sagt: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Er würde wieder an den Start gehen – „aber nur bei gutem Wetter. Dann ist das Ganze zwar eine Herausforderung, aber noch lange kein Irrsinn.“ Am Sonntag war’s leider anders.
WdP
Die Suche nach dem Extremen
Die einen quälen sich bei Eiseskälte Berge hinauf, andere joggen durch glutheiße Wüsten, wieder andere springen per Seil von Brücken: Extremsportler. Was geht in ihnen vor? Warum tun sie das? Die tz sprach mit Dr. Oliver Seemann, Facharzt für Psychiatrie:
Die Zahl der Extremsportler steigt. Warum?
Wir leben in einer Spaß- und Erregungsgesellschaft. Da muss für viele Menschen der Kick immer größer werden. Das Alltagsleben ist meist von Sicherheit und auch einer gewissen Langweile geprägt. Alles ist technisch. Da möchten manche Leute dann plötzlich extreme, teils gefährliche Wege gehen.
Ist das nicht irrational?
Teils schon. Aber: Die Sicherheit ist der Todfeind des Menschen. Da rebellieren die Instinkte, die wir noch haben. Wir wollen wachsam sein, aufpassen, gefordert sein!
Extremsportler sagen, ihre Leistungen seien wie eine Droge. Sie können nicht aufhören. Was passiert in Körper und Gehirn?
Natürlich werden erstmal große Mengen Adrenalin ausgeschüttet. Egal ob man nun durch die Wüste joggt oder per Fallschirm von einer Brücke springt. Der Sportler fühlt sich stark, unbesiegbar. Er braucht das. Wenn er sein Ziel erreicht hat, kommt noch Dopamin dazu. Dieses Hormon verursacht sofort ein absolutes Glücksgefühl. Und das will man dann immer wieder spüren. Dazu kommt auch noch, dass während der Belastung Stoffe freigesetzt werden, die das Schmerzgefühl lindern. Daher sind die Sportler oft wie in Trance, reagieren nicht auf die Umwelt.
Ist Extremsportlern das eigene Leben weniger wert – bei all diesen Gefahren?
Nein, sicher nicht. Es geht darum, das Selbstwertgefühl zu steigern. Etwas Außergewöhnliches oder Schwieriges zu leisten. Dabei will sicher niemand sein Leben verlieren. Nur: Aufgeben will derjenige halt auch nicht.
Interview: Armin Geier
Quelle: tz

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