312.03.10|München|81 Kommentare
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München - Die katholische Kirche fürchtet nach den jüngsten Skandalmeldungen über sexuellen Missbrauch eine Austrittswelle.

© dpa
Ein Kruzifix im Kloster Ettal – für Christen ist das Symbol des Leidens auch ein Zeichen der Hoffnung. Die aber haben viele Gläubige verloren und treten aus.
Kloster und Internat Ettal, Erzabtei St. Ottilien, Pfarrei St. Magdalena Fürstenfeldbruck oder die Regensburger Domspatzen: Die Meldungen über sexuellen Missbrauch durch Geistliche reißen nicht ab, die Fundamente des Glaubens bröckeln – und bei Manchen bleiben nur noch Trümmer. Mehr und mehr Münchner kehren den Kirchen den Rücken. Sogar der Pfarrer Rainer Maria Schießler sagt: „Alles andere wäre auch ein Wunder gewesen.“
Genau 354 Münchner traten vom 1. bis zum 10. März aus den beiden christlichen Kirchen aus, berichtet das Kreisverwaltungsreferat auf Anfrage der tz. Das sind deutlich mehr als Anfang März 2009. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum nur 286 Austritte – heuer sind es also 24 Prozent mehr in München. Und Pasing ist da noch nicht einmal mitgerechnet. Im KVR stehen die Menschen mittlerweile fast Schlange. „Normalerweise bewegt sich die Zahl der Austritte zwischen 15 und 40 am Tag“, sagt KVR-Sprecherin Daniela Schlegel der tz. „Derzeit kommen rund 30 bis 95 Menschen pro Tag.“ Es handelt sich sowohl um Katholiken als auch um Protestanten, denn die Behörde unterscheidet in ihrer Statistik nicht nach Konfessionen.
Pfarrer Schießler von St. Maximilian im Glockenbachviertel hat das befürchtet. Zwar seien unter den Abtrünnigen viele, die den Schritt länger planten und jetzt einen Grund geliefert bekämen. Allerdings weiß der Geistliche aus Gesprächen, dass viele Gläubige auch aus tiefster Überzeugung gehen. „Das Schlimme ist, dass die Leute nicht Unrecht haben“, sagt der Pfarrer. „Was soll ich denen denn sagen?“ Zu tief sitzt die Scham über die Schande und die Sünde der Vertuschung. Die Münchner schmerzt das nicht alleine. Auch in Würzburg, Regensburg und Augsburg sind in diesen Tagen bis zu doppelt so viele Menschen mehr aus der Kirche ausgetreten als sonst in diesem Zeitraum, berichtet der Bayerische Rundfunk.
Nur in Passau sieht das Standesamt keinen Anstieg und in Garmisch-Partenkirchen. In der Marktgemeinde ganz in der Nähe von Kloster Ettal tritt weiter nur rund ein Bürger pro Woche aus der Kirche aus. Pfarrer Schießler zählt auf die Gläubigen: „Wir können die Kirche nur umgestalten, wenn viele bleiben. Lasst uns bitte nicht allein zurück!“
David Costanzo, Johannes Welte
Abrechnung einer Gläubigen
Spaenle: Null-Toleranz-Strategie
Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle hat die katholische Kirche dazu aufgerufen, in Missbrauchsfällen künftig die Meldepflichten besser einzuhalten. „Wir haben leider erlebt, dass in der Vergangenheit kircheninterne Meldepflichten und die Vorschriften der Schulaufsicht, Straftatbestände sofort zu melden, bewusst unterlaufen wurden“, sagte der CSU-Politiker der Passauer Neuen Presse. In der Missbrauchsaffäre gehe es ihm darum, „dass wir konsequent auf eine Null-Toleranz-Strategie setzen“, erklärte der Minister: „Alles muss auf den Tisch!“

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