
Türkei nebenan - Münchens türkischste Straße: Die Goethestraße © Westermann

Es ist, als würde man eine andere Welt betreten. Ein Obst- und Gemüsestand reiht sich an den anderen, von den Imbissständen und Dönerbuden weht ein köstlicher Duft herüber, Händler und Kunden diskutieren eifrig miteinander, vieles, was an den Schaufenstern steht, verstehen Deutsche nicht. Die Goethestraße ist Münchens türkischste Straße, oder, um es mit denen zu sagen, die hier leben: © Westermann

Hier ist Münchens Klein-Istanbul! Einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt preisen türkische Reisebüros günstige Trips in die Heimat an, gibt es Übersetzungsbüros, jede Menge Börek, Köfte und Lahmacun, türkische Banken, Andenken- und Souvenirläden … © Westermann

42 473 Türken (Stand: Mai 2008) leben in München – damit sind sie die größte ausländische Bevölkerungsgruppe der Stadt vor den Kroaten (24 646) und den Serben-Montenegrinern (24 424). © Westermann

Die meisten Türken (6493) leben in Ramersdorf-Perlach, die wenigsten (209) im Bezirk Altstadt-Lehel. Viele von ihnen kamen in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie zogen in die Ballungszentren, wo sie – etwa in der Autoindustrie – Arbeit fanden. © Westermann

Nach dem Anwerbestopp 1973 holten sie nach und nach ihre Angehörigen nach Deutschland. Als viele Jobs für Ungelernte wegfielen – drei von vier hier lebende Türken haben keinen Berufsabschluss – sind unter ihnen besonders viele Arbeitslose (25 Prozent). © Westermann

Jetzt, einen Tag vor dem EM-Halbfinale zwischen der Türkei und Deutschland, ist nun natürlich das Spiel DAS Gesprächsthema. © Westermann

Dennoch dominiert die sportliche Fairness: Viele Geschäfte verkaufen deutsche und türkische Wimpel, ein türkischer Mobilfunkanbieter wünscht auf einem riesigen Werbeplakat beiden Nationen Glück. Die Türken sind sich einig: Egal, wie das Spiel ausgeht – gefeiert wird am Mittwoch in jedem Fall! © Westermann

Eine Ruheoase mitten im Trubel: Plötzlich ist der Trubel ganz weit weg. Zwar geht das hektische Treiben weiter, aber man sieht nur noch, wie Menschen ihre Lippen bewegen, wie sie im Auto auf die Hupe hauen. © Westermann
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„Viele Kunden kommen noch kurz vor der Abreise zu uns“, sagt Deniz Polak (20) von Kubi Kosmetik. Deutsche, Türkinnen, Araberinnen – schöne Fußnägel wollen sie alle, und zwar in entspannter Atmosphäre. Das wird auch am Donnerstag so sein. „Aber vorher wird gefeiert“, sagt Polak. „Bol sanslar Türkiye. Viel Glück, Türkei.“ © Westermann
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Von CDs bis zu Flaggen: Mehr Ware auf weniger Platz geht nicht. Puppen, CDs, Wasserpfeifen, Modeschmuck, bayerische Flagge und mit türkischen Sehenswürdigkeiten bedruckte Handtücher – Minarecis Im- und Export ist seit 30 Jahren im Besitz der Familie Minareci. © Westermann
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Nach Großvater Tahir und Mutter Zehra wird Akgün (20) die Familientradition fortführen. Warum es in einem türkischen Geschäft auch deutsche Flaggen gibt? „Wir grenzen niemanden aus“, sagt Akgün. „Fußball ist kein Krieg, sondern Spaß.“ © Westermann
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Türkisch-deutscher geht es kaum: Dindar Karadag bittet Besucher auf das Ledersofa, eine junge Kellnerin serviert dampfenden Tee im Glas. An der Wand hängt ein Porträt von Atatürk und eines von Goethe. „Ich wohne gerne hier“, sagt Karadag. „Man muss aber aufpassen, dass man auch mal rauskommt. Weil auch in der Schwanthaler-, der Schiller und der Landwehrstraße viele Türken leben, konzentriert sich ein Großteil des Lebens auf diese Ecken.“ © Westermann
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„Die Goethestraße, das ist wie Klein-Istanbul. Nicht so groß wie in Berlin, aber immerhin.“ Ebro Ataman (19), Auszubildende im Reisebüro Yazicioglu, schaut aus dem Fenster im ersten Stock. Von hier aus hat man einen schönen Blick über die Straße. Unten blockiert gerade ein Lieferant den Verkehr, die Autofahrer hinter ihm hupen ungeduldig. „Sie sollten mal sehen, was hier abends los ist“, sagt sie. Und das, obwohl mehr Landsleute als sonst Flüge nach Wien oder Basel buchen wollen. Der türkische Höhenflug bei der EM ist gut fürs Geschäft. © Westermann
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„Vor 20 Jahren“, sagt Behcet Vargönen, „gab es hier noch nicht so viele türkische Geschäfte, dafür mehr Banken.“ Vargönen ist Direktor der Isbank, eines von zwei Geldinstituten der Goethestraße. Natürlich sind die meisten Kunden seiner Bank Türken. Die 15 Angestellten aber müssen alle deutsch können: „Für unsere deutschen Kunden. Sie schätzen uns, weil wir so flexibel sind. Ein Kunde hat einmal gesagt, er habe das Gefühl, als wäre es unser Problem, das wir lösen müssten – und deshalb so viel Energie dafür aufwenden.“ © Westermann
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Hier wird bairisch gesprochen: „Hier ist es wie zu Hause“, sagt Bülent Yalcin (36) und strahlt. Der Mitarbeiter von Anadolu Supermarket stapelt Wassermelonen zu einer Pyramide, im Geschäft riecht es nach frisch gebackenem Brot. © Westermann
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Yalcin lebt seit 15 Jahren in Bayern, seit zwei Jahren in München. Auf seinen bayerischen Dialekt wäre manch Einheimischer stolz. © Westermann
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Die Goethestraße ist seine zweite Heimat: „Die Leute kaufen nicht ein, sie suchen die Waren mit Hingabe aus.“ Ganz wie zu Hause eben. © Westermann
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„Das Publikum ist gemischt und lebendig, das Angebot an Geschäften bunt. Aber es ist auch laut und hektisch, und es gibt viel Verkehr – das muss man mögen.“ Für Özgür Agbas (31), Chef des Bistros Pascha, gehört all das dazu, genauso wie Betrunkene oder Kleinkriminelle, die gelegentlich vom Bahnhof in den Imbiss kommen. „Es gab noch keine Schlägerei, und wir mussten auch noch keinen rausschmeißen“, sagt Agbas. „Wir wissen, wie man mit diesen Menschen spricht – und die verstehen uns.“ © Westermann