München - Giesing hat jetzt einen Hafen: Im früheren Hertiegebäude in der Tegernseer Landstraße geht die Partyszene vor Anker.

Videobeschreibung (+Laufzeit oder Datum siehe Original).
So viele Treppen wird die zierliche Dame wohl noch nicht gestiegen sein wie dieser Tage, an denen die behördliche Genehmigung erteilt werden soll für Münchens derzeit heißeste Kultur- und Veranstaltungs-Location, das Puerto Giesing im Ex-Hertie an der Tegernseer Landstraße, und Zehra Spindler ist die Macherin. Ständig ist sie unterwegs zwischen den beiden Gebäudeteilen, jedes über fünf Stockwerke, ohne Aufzug. Und in jeder Etage ist was los. Ateliers, Bars, Installationen, Konzerträume, Terrassen, dazwischen die Künstler, Fotografen, Sprayer, Street-Artists, DJs, die den ehemaligen Konsumtempel wie einen Ameisen-Haufen erscheinen lassen.
Der CCC hat auch die Computertechnische Vernetzung des Puerto Giesings wieder hergestellt, „am Zentralserver war nach dem Hertie-Auszug nur ein riesiger Kabelbaum, der einfach durchtrennt war“, berichtet ein Mädchen namens Sva, ein Pseudonym, weil in dem sensiblen Computer- und Hacker-Geschäft niemand seine Identität preisgeben will.
Label-Chef Albert Pöschl (Echokammer) baut an einer Bar in der ehemaligen Hertie-Katine. Dort will er ab kommendem Donnerstag unter dem Titel „Ghost“ Woche für Woche eines berühmten Toten der Pop-Kultur gedenken, bei freiem Eintritt, mit Musik und Lesungen. R’n’B-Star Johnny Ace soll einer dieser Verstorbenen sein. Von der Bar gelangt man aufs Parkdeck. „Hier können auch mal Modenschauen oder kleine Konzerte stattfinden – und sicher mal ein Überraschungs-Gig von La Brass Banda“, verspricht Zehra Spindler, die sich hier mit ihrem Verein München 852 (der Name wechselt jedes Jahr, weil er sich auf die Stadtgründung bezieht) einen Lebenstraum erfüllt. Mit DJ Mirko Hecktor, der kürzlich das Münchner Nachtleben der letzten 60 Jahre mit seinem „Mjunik Disco“–Buch dokumentierte, will sie nun noch eine Radio-Station eröffnen und vom Dach des Puerto Giesings aus senden. Inhalt ungewiss.
Ein anderer Untermieter, die Buntlack-Crew, die „das Thema Graffiti weiter denkt in Richtung Leinwand“ (sagt Mitglied „Der Alois“), setzte Spindler bereits mit einem Graffiti im Treppenhaus und eigenem Logo ein Denkmal. Vergänglich wie das gesamte Projekt „Puerto Giesing.“ Ab September soll das einzigartige Kulturzentrum der Abrissbirne weichen, an seine Stelle kommt eine Geschäfts- und Bürokomplex. Bis dahin werden im ehemaligen Verkaufsraum des Kaufhauses noch allerlei Ausstellungen (derzeit über 1860 München) und im Untergeschoss, wo einst Lebensmittel über die Ladentheken gingen, Partys, Lesungen oder Theateraufführungen steigen. Einzigartig ist auch die Unterstützung der Behörden.
tz
Rubriklistenbild: © Bodmer
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