Was war das für eine Aufregung, als der Münchner Stadtrat im Jahr 1966 beschloss, die Kaufingerstraße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Grantler und Pessimisten sahen schwarz: Es drohe eine Geisterstadt, so ihre Prognose, die Innenstadt werde veröden!
Jetzt, 40 Jahre nach der offiziellen Eröffnung der Flanier- und Konsum-Meile am 30. Juni 1972, kann man darüber nur schmunzeln: Die Fußgängerzone – übrigens die erste in Deutschland – hat alle Erwartungen übertroffen – und ist heute eine der meistfrequentierten Einkaufsstraßen in Europa! Zählungen ergaben: In Spitzenzeiten passieren die Neuhauser Straße über 13 000 Menschen pro Stunde!
Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass sich früher tatsächlich täglich 75 000 Autos und dutzende Trambahnzüge durch das Nadelöhr Karlstor oder über den Marienplatz zwängten. Aber schon damals ahnte man, dass es mit diesem Verkehrs-Wahnsinn so nicht weitergehen konnte – obwohl vor allem Geschäftsleute fürchteten, dass ihnen die Kundschaft wegbleibt, wenn sie nicht mehr mit ihrem VW-Käfer oder Mercedes bis vor die Tür fahren kann …
Doch Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel ließ sich davon nicht beirren. „München hat sich durch die Einrichtung dieses Bereichs gegen die Übermotorisierung und damit gegen die Auswüchse des ökonomischen Prinzips erfolgreich zur Wehr gesetzt“, sagte er stolz am Tag der Eröffnung, zu der 100 000 Münchner in ihre „neue gute Stube“ geeilt waren. Allerdings nicht nur, um die Fußgängerzone zu testen und in Besitz zu nehmen, sondern auch, um Vogel Dankeschön zu sagen – denn es war sein 4444. und letzter Tag im Amt.
In Sachen Ökonomie lag Vogel übrigens nicht ganz richtig – denn der Erfolg der Konsum-Meile hat auch eine Schattenseite: Die Mieten in der rund 900 Meter langen Fußgängerzone sind in den letzten 40 Jahren regelrecht explodiert: 400 Euro Miete pro Quadratmeter sind in Deutschland absolute Spitze.
Das interessiert die Münchner aber wenig. Im Jubiläumsjahr sind sie eher genervt (siehe Umfrage) – vor allem wegen der vielen Baustellen und des daraus resultierenden Drecks und Lärms. Und manchem fehlt der Chic und die Eleganz früherer Jahre.
WdP, AT
So verändert München sein Gesicht
Das Münchnerische droht langsam zu verschwinden
Münchens Einkaufs- und Flaniermeile wird 40 – die tz sprach mit Wolfgang Fischer, Geschäftsführer der City-Partner über das Geburtstagskind.
Wie fällt Ihre Jubiläumsbilanz aus?
Fischer: Dass sich das alles so gut entwickelt, das hat keiner vorausgesehen. Aber die Erfolgsmedaille hat auch eine andere Seite.
Die explodierenden Mieten?
Fischer: Hohe Mieten kann man schon erwirtschaften. Das Problem sind aber Geschäfte, wie zum Beispiel Telefonläden oder Filialisten großer Konzerne, die die Mieten gar nicht erwirtschaften müssen, sondern sie zum Beispiel aus dem Marketingetat decken.
Kann man nicht gegensteuern?
Fischer: Welcher Vermieter nimmt nicht gern die höhere Miete?
Aber das spezifisch Münchnerische verschwindet so …
Fischer: Glücklicherweise haben wir noch viele Traditionsgeschäfte – in Köln zum Bespiel sind auf der Flaniermeile nur noch Filialisten.
Wie sehen Sie die Gestaltung?
Fischer: Da musste schon was passieren. Wir haben so viele junge kreative Leute in der Stadt. Die könnte man einbinden. Die Lampen müssen allerdings bleiben – die stehen für die Zeit der 1970er-Jahre.
Warum gibt’s denn kein Fest?
Fischer: Wir hätten gern gefeiert. Aber die Stadt wollte bei der Sonntagsöffnung keine Ausnahme machen.
Die Fakten
Eröffnung: 30.6.1972
Länge: ca. 900 Meter.
Ladenmieten: Bis zu 400 Euro je Quadratmeter. Das heißt: Ein 100 Quadratmeter großes Geschäft zahlt bis zu 40 000 Euro Miete im Monat.
Geschäfte: 54 Prozent der Läden sind Filialen von internationalen Ketten.
Kurios: Die Passantenfrequenz – in Spitzenzeiten bis zu 15 000 in einer Stunde – bescherte dem McDonald’s am Stachus im Jahr 2006 den Fast-Food-Umsatzweltrekord (gemessen an Verkaufsfläche).
Straßenmusik: Nach 60 Minuten muss jeder Musiker den Platz wechseln, damit er nicht „nervt“.
Was halten Sie von der Fußgängerzone?
Stadt gibt sich Mühe
Thomas Vollmer (40), Großgastronom aus Holzkirchen
Eine Rumpelmeile
Die Fußgängerzone war früher wunderschön. Heute ist es eine Rumpelmeile. Die meisten Städte veröden immer mehr. Immerhin haben sie wieder ein paar Blumenkübel aufgestellt und bepflanzt und Stühle aufgestellt. So sieht alles wieder etwas schöner aus.
Gerhard Fendl (70), Werbekaufmann aus München
Viele Baustellen
Durch die Billigläden hat sich das Flair total verschlechtert. Früher waren hier tolle Geschäfte und ein interessantes Publikum. Heute haben wir nur noch Baustellen, Lärm und Dreck. Sie sollten die Baustellen nachts fertigstellen, das ist auch für die Touristen viel schöner!
Gerlinde Nägele (53), Obstverkäuferin aus Giesing
Buntes Treiben
Till Kost (27), Ingenieur aus Milbertshofen
Ich mag die Stände
Ich mag die ganzen Stände, die man hier entlang der Straße sieht so gern. Nur die Musiker nerven manchmal. Ich würde die Fußgängerzone aber genau so lassen. Sie schaut gut aus, funktioniert gut und etwas Gutes sollte man doch nicht ändern.
Christian Baumgartner (38), Schankkellner aus Traubing





































© Westermann
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