Ex-TV-Chefin: Karriere gegen Kinder getauscht

Ex-TV-Chefin: Kinder statt Karriere

126.05.10|München|1 Kommentar
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München - In ihrer Twen-Zeit hat sie zu viel gefeiert, mit 30 zu viel gearbeitet. Jetzt ist Sigi "Heidi" Hohner richtig glücklich. Die tz zu Besuch bei der ehemaligen MTV-Chefredakteurin:

Kinder statt Karriere: Ex-MTV-Chefin Sigi Hohner mit ihren Söhnen Toni (3) und den Zwillingen Joseph und Lorenz (11 Monate)

© Mell

Kinder statt Karriere: Ex-MTV-Chefin Sigi Hohner mit ihren Söhnen Toni (3) und den Zwillingen Joseph und Lorenz (11 Monate)

Sigi „Heidi“ Hohners Augenringe sind nicht zu übersehen. Aber sie nimmt das locker. „Ich hatte immer Hobbys, bei denen ich nicht geschlafen habe,“ sagt die Münchnerin. In ihrer Twen-Zeit hat sie zu viel gefeiert, mit 30 zu viel gearbeitet. Doch jetzt ist sie richtig glücklich. „Ich mache, was ich immer machen wollte, auch wenn ich auf einen Schlag 100 000 Euro weniger im Jahr verdiene.“ Früher war Hohner Chefredakteurin von MTV – ein Leben voller Glamour, auf Augenhöhe mit den Stars. Heute ist sie Mutter von drei Kindern – und hat einen Enthüllungsroman geschrieben (Piper-Verlag).

Im Jahr 2000 fängt sie als Newsredakteurin bei dem Musiksender an, interviewt Pink, Depeche Mode, David Bowie und Britney Spears, feiert mit den Toten Hosen und den Sportfreuden Stiller. „Als ich bei MTV aufgehört habe, war das wie Liebeskummer“, gibt sie zu.

Als MTV 2003 von München nach Berlin zieht, kommt die Diplom-Psychologin in ein Loft in Berlin-Kreuzberg, hat Blackberry, Dienstwagen, Vielflieger-Status und eine 60-Stunden-Woche. Der Aufstieg zur Chefredakteurin geht blitzschnell, doch eines fehlt ihr: „Bei den MTV-News, die ich mit Markus Kavka produzierte, hab ich eines gelernt: schnell und auf den Punkt zu schreiben. Das fehlte mir als Managerin.“

Und was noch? München und die Berge. „Ich hatte nicht viel Zeit für Heimweh, aber immer, wenn ich mit meinem Mann ins Pinzgau gefahren bin, habe ich gemerkt, wie Kopf- und Rückenschmerzen wie weggeblasen waren. Ich habe meinen Job geliebt – aber der Stress hat seine Spuren hinterlassen.“ Sie war ausgebrannt, hatte Essstörungen und zu viel getrunken.

Als sie Anfang 2006 schwanger wird, passiert etwas Unerwartetes. „Ich sah mich selbst immer als Workaholic, der nie Karriere gegen Kinder tauschen würde. Aber ich habe ich mich so beschenkt gefühlt, dass ich mir plötzlich sicher war: Ich wollte mich mindestens ein Jahr um meinen Sohn kümmern.“

Nach diesem Jahr scheint alles perfekt für ihre Rückkehr nach Berlin. Doch sie fasst einen Entschluss: Ich gehe nicht mehr zurück! „Ich hatte keine Sicherheiten. Und trotzdem konnte ich nicht anders: Ich musste schreiben. Es war ein innerer Drang.“

Jetzt zahlt sich aus, dass sie ihre Münchner Studentenwohnung mit Ofenheizung und Außenklo nie aufgegeben hatte. Sie zieht mit ihrer Familie wieder dort ein und sucht eine Tagesmutter für ihren Sohn. Sie schreibt 100 Seiten. Die Frankfurter Agentur Copywrite nimmt sie unter Vertrag – und fordert das ganze Manuskript an. Hohner verkauft ihren alten Volvo und schreibt weiter. „Ich musste das Buch bis zur Buchmesse fertig haben.“

Einer links, einer rechts, einen fallenlassen ist ein Frauenroman und ein sehr persönlicher Einblick hinter die Kulissen der Musikindustrie. „Viele haben mich gefragt, ob mein Buch eine Abrechnung ist mit MTV. Aber ich muss nicht abrechnen, ich habe ihm viel zu verdanken.“

Aber: „Wie oberflächlich Beziehungen in der Szene sein können, davon macht man sich oft keine Vorstellung. Graf Henri, in den sich meine Heldin dummerweise verliebt, ist ein alternder Popliterat – und ein drogenabhängiger Unsympath. Ich bin mir sicher, dass sich da viele Promis direkt an die eigene Nase fassen können. Der Teufel trägt nicht nur Prada, der guckt auch MTV!“

Inzwischen schreibt sie am zweiten Buch. „Dass ich im letzten Jahr auch noch Zwillinge bekommen habe, ist ein Beispiel für außer Kontrolle geratene Familienplanung.“ Und das mit einem Mann, der sich gerade erst selbstständig gemacht hat, und der Vorgabe, bis August mit dem Buch fertig zu sein.

Nachmittags. Der älteste Sohn Toni kommt gerade vom Kindergarten. Drei Mal muss sie von der Wohnung zum Kinderwagen im Hof gehen, bis alle Kinder und Spielsachen verstaut sind, dann geht es auf den Glockenbachspielplatz. „Ich möchte hier nie wieder weg – meine Freunde, die Isar, der blaue Himmel – für ein Leben mit Kindern ist München einfach unschlagbar“. Was ihr fehlt? Sie lacht: „Einmal zwei Tage durchschlafen.“

Jacob Mell

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