Den 4. Oktober 1981 wird Professor Wolfgang Eisenmenger in seinem Leben nicht mehr vergessen.

© Eberhard Unfried
Professor Wolfgang Eisenmenger.
Eigentlich habe er Landarzt werden wollen, erzählt der renommierte Wissenschaftler, der am 4. Februar 1944 im südbadischen Waldshut das Licht der Welt erblickte. Das Medizinstudium war ihm in die Wiege gelegt: Seine Mutter war Zahnärztin, sein Vater Tierarzt.
Doch wie kommt man als Arzt dazu, sich mehr mit Toten als mit den Lebenden zu beschäftigen? „Ein Zufall“, sagt er und lacht. Nach seinem Medizinstudium habe er sich an der Uni Freiburg um eine Stelle in der Pathologie beworben. Das sei damals üblich gewesen, um sich als Arzt niederlassen zu können. Es war aber keine Stelle frei. Vor der Rechtsmedizin habe er einen Mann gefragt, der gerade am Motor seines Wagens werkelte. Es war der Chef des Instituts. Eisenmenger: „Er hat mich sofort eingestellt.“
Die unerwartete Aufgabe habe ihn fasziniert: „Die Rechtsmedizin war für mich so interessant, dass ich meine alten Berufspläne aufgab.“ 1972 holte ihn der damalige Chef der Münchner Rechtsmedizin, Professor Spann, an die Isar. Seine Frau sei anfänglich wenig begeistert gewesen: „Wir hatten erst kurz zuvor eine neue Wohnung eingerichtet.“
Für Eisenmenger war es der Beginn einer steilen Karriere: 1985 wurde er zum Professor ernannt. 1989 übernahm er als Ordinarius für Rechtsmedizin die Leitung des Instituts.
Sein Arbeitstag beginnt morgens um sieben Uhr und endet gewöhnlich nicht vor 19 Uhr. Sein Institut ist für ganz Südbayern zuständig: „Wir haben 2200 Sektionen im Jahr.“
Um 7.45 Uhr ist Frühbesprechung mit den Mitarbeitern. Gutachten müssen erstellt und dann vor Gericht vorgetragen werden. Ab 13 Uhr gehen Eisenmenger und seine Mitarbeiter in den Keller. Dort liegen die Toten in gekühlten Fächern. Nun beginnt die Arbeit, die die meisten Menschen nie ertragen würden: Denn die Leichen sehen oft grauenvoll aus. Manche wurden bei Unfällen verstümmelt. Andere lagen wochenlang in einer Wohnung, bis der Gestank oder Ungeziefer schließlich die Nachbarn alarmieren. Selbstmörder sind dabei. Bei einigen Toten besteht der Verdacht, dass sie Opfer eines ärztlichen Fehlers geworden sind. Und einige, vergleichsweise ganz wenige, sind Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Eisenmenger: „Im vergangenen Jahr hatten wir nur drei vollendete Tötungsdelikte in München.“ Gearbeitet wird auf drei Seziertischen gleichzeitig, mit je zwei Ärzten pro Tisch. Nicht selten verfolgen Kriminalbeamte, Richter und Staatsanwälte ihre Arbeit.
In den meisten Fällen gibt ein Toter das Geheimnis seines Ablebens preis, egal ob er an einer Infektion oder an einem Infarkt starb, ob ein Stromschlag, grobe Gewalt oder sogar Gift im Spiel war. Auch ein Teil seiner Vorgeschichte offenbart sich den Experten: Frühere Verletzungen, gesundheitliche Schäden, Alkoholgenuss, die Einnahme von Drogen und Medikamenten – nichts bleibt den Gerichtsmedizinern verborgen.
Wie hält man das aus? „Am Anfang war ich außerordentlich sensibel“, sagt Eisenmenger, „vor allem, was fließendes Blut anging. Im Lauf der Zeit tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Man versucht, seiner Aufgabe gerecht zu werden.“
Stören ihn Maden? „Ja, die finde ich nach wie vor eklig.“ Und der Gestank? Ein feines Näschen dürfe man nicht haben: „Mein Geruchssinn hat sehr darunter gelitten.“ Nun hofft er, dass er im Ruhestand wieder einen besseren Sinn für angenehme Gerüche entwickelt.
Die kalten Leichen waren mal lebende Menschen – kann man deren Schicksal einfach außen vor lassen? „Man muss lernen, dass man sich vom Einzelschicksal emotional löst“, betont Eisenmenger. Sonst sei diese Arbeit nicht zu bewältigen. Geht das denn immer? „Nein! Was mich am meisten bewegt, sind die Schicksale misshandelter Kinder.“ Am grauenvollsten seien die Qualen der dreijährigen Karolina aus Memmingen gewesen, die von den eigenen Eltern zu Tode gefoltert worden war. „Der Vater hat Plastikflaschen angezündet und auf ihrer Haut ausgedrückt, während die Mutter die Kleine festhielt.“ Aber auch die Qualen, die bei der Obduktion nicht festzustellen waren, berührten Eisenmenger sehr: So hatte Karolina nackt im Keller stehen müssen und der sadistische Vater sah nach, ob sie wirklich noch stand.
Mit seiner Frau spreche er nur selten über seine Arbeit: „Ich erzähle ihr nur besondere Dinge.“ Karolina war einer dieser furchtbaren Fälle.
„Ich habe meine Familie gegenüber beruflichen Dingen vernachlässigt“, gesteht Eisenmenger. Denn selbst an Wochenenden ist er ein gefragter Mann. Oft nimmt er an Symposien teil, hält viele Vorträge. Manchmal stehen auch Auslandseinsätze auf dem Terminplan, etwa die Untersuchung von Bürgerkriegsgräueln im Kosovo.
So abschreckend konnte sein Beruf für die Familie dennoch nicht gewesen sein. Eine seiner Töchter hat ebenfalls Medizin studiert, sie ist Chirurgin. „Ich habe ein hervorragendes Verhältnis zu meinen Kindern“, sagt Eisenmenger. Jetzt will er endlich auch mehr Zeit für seine Frau haben. Ganz lässt ihn der Beruf freilich noch nicht los: Als Gerichtsgutachter werde er sicher noch oft gebraucht.
Wie im Fall Ursula Herrmann. Am Donnerstag beginnt in Augsburg der Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer Werner M. (58) und dessen wegen Beihilfe angeklagte Ehefrau Gabriele. Wann er die Befunde über Ursulas Tod vortragen soll, weiß er noch nicht. Der Prozess ist bis zum 17. Dezember terminiert.
Eberhard Unfried
Quelle: tz



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