328.07.08|München|4 Kommentare
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A
Gekicher hinter den Kettenvorhängen. „Na, du kannst ja gar nicht genug bekommen“, säuselt eine Frauenstimme, ein Mann lacht. Bardame Adi (54) steht im Gang und grinst.

© Privat
Adi vor 20 Jahren: So tanzte sie damals im Lola Montez am Platzl.
Conny (24) macht da drinnen einen guten Job, sie hat die dritte Flasche Champagner geordert. Adi schiebt den Vorhang beiseite, reicht ihr die Flasche ins Separee. Ein prüfender Blick: Conny und der Gast sitzen brav nebeneinander.
Adi, die mit vollem Namen Adrienne heißt, ist Bardame im Cabaret Fantasy in der Neuturmstraße, einem von vier Animier-
Adi sitzt auf einem Hocker, blättert in einem Bestellkatalog. Sie trägt ein knappes schwarzes Kleid und Gesundheitssandalen. Vor ihr schimmert eine kleine Lampe mit Schirm. An der Wand stehen zwei Holztische, dahinter zwei Plüschsofas. Schwere, rote Vorhänge verdecken die Fenster. Nur die kleine Bühne am Durchgang zu den fünf Separees unterscheidet den Raum von einer normalen Kneipe. Nicht einmal eine Tanzstange gibt es. Die gibt es in Tabledance-
Eine Gruppe junger Männer kommt herein, Adi dreht „Modern Talking“ lauter. Ein Mann im Manchester-
Als zwei Männer Ende Vierzig, einer im Streifenhemd, der andere im schwarzen Anzug, hereinkommen, springt Stripperin Natascha (26) auf ihre 18 Zentimeter hohen Stilettos, zupft das rosa Stretch-
Nur für Champagner gibt es intime Minuten im Separee. Ist der Tropfen alle, muss der Gast sein Mädchen wieder teilen. Nach zehn Minuten verschwinden Conny und Natascha mit den Männern. Der eine bestellt den günstigsten Champagner für 160 Euro, der andere einen Veuve Clicquot für 320 Euro. Die teuerste Flasche für 7000 Euro geht alle ein, zwei Monate raus. Kuscheleinheiten sind teuer.
Vor 25 Jahren, als Adi aus Ungarn mit einer Freundin hierher kam, lockte sie das schnelle Geld. Sie tanzte im bekannten Lola Montez, Bedenken hatte sie keine. „Früher hatte das noch kein Schmuddelimage“, sagt die 54-
Für einige Tänzerinnen im Fantasy ist diese Offenheit heute undenkbar. Die Eltern von Lena (22) aus Ungarn etwa wissen nicht, wie sie sich das Studium in Deutschland finanziert. „Die dürfen das nicht erfahren, sie würden sich schämen.“ Weil Adi weiß, wie einsam solch ein Geheimnis macht, bemüht sie sich, Ersatzmama zu sein. Ab und zu bringt sie einen Topf Nudeln von zuhause mit.
Conny und Natascha sind unterdessen eine knappe Stunde im Separee. Beide sind viele Jahre im Geschäft, haben Adis Ratschläge verinnerlicht. „Das wichtigste ist, die Männer warm zu halten. Sie müssen das Gefühl haben, dich zu erobern. Spiele ihnen vor, sie zu begehren. Aber gibst du ihnen zuviel, kommen sie nicht wieder.“ Mehr als Streicheln und Küssen ist im Sperrbezirk ohnehin nicht erlaubt. Erwischt ein Kontrolleur ein Mädchen beim Sex, gibt’s eine Anzeige, und der Job ist weg. „Wie streng das am Bahnhof gehandhabt wird, weiß ich nicht“, sagt Adi diplomatisch. Damit bei ihr nichts passiert, schaut Adi mindestens alle zwanzig Minuten ins Separee.
Adis eigene Tochter (18) wird bald ein festes Gehalt bekommen, als Bürokauffrau-
Die Namen der Mädchen wurden geändert.
Nina Bautz
Quelle: tz