Bardame Adi: Mein Leben im Sperrbezirk

54-Jährige arbeitet seit 25 Jahren in Strip-Bars am Platzl

Bardame Adi: Mein Leben im Sperrbezirk

328.07.08|München|4 KommentareFacebook
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Gekicher hinter den Kettenvorhängen. „Na, du kannst ja gar nicht genug bekommen“, säuselt eine Frauenstimme, ein Mann lacht. Bardame Adi (54) steht im Gang und grinst.

Adi vor 20 Jahren: So tanzte sie damals im Lola Montez am Platzl.

© Privat

Adi vor 20 Jahren: So tanzte sie damals im Lola Montez am Platzl.

Conny (24) macht da drinnen einen guten Job, sie hat die dritte Flasche Champagner geordert. Adi schiebt den Vorhang beiseite, reicht ihr die Flasche ins Separee. Ein prüfender Blick: Conny und der Gast sitzen brav nebeneinander.

Adi, die mit vollem Namen Adrienne heißt, ist Bardame im Cabaret Fantasy in der Neuturmstraße, einem von vier Animier-Clubs rund ums Platzl. Adi ist auch Freundin, Mutterersatz und Sittenwächter für die Mädchen, die hier im Sperrbezirk arbeiten. Sie tanzte selbst jahrelang für zahlende Männer, nur ein paar Meter von hier. „Jetzt bin ich froh, auf der anderen Seite des Bartresens zu stehen.“

Adi sitzt auf einem Hocker, blättert in einem Bestellkatalog. Sie trägt ein knappes schwarzes Kleid und Gesundheitssandalen. Vor ihr schimmert eine kleine Lampe mit Schirm. An der Wand stehen zwei Holztische, dahinter zwei Plüschsofas. Schwere, rote Vorhänge verdecken die Fenster. Nur die kleine Bühne am Durchgang zu den fünf Separees unterscheidet den Raum von einer normalen Kneipe. Nicht einmal eine Tanzstange gibt es. Die gibt es in Tabledance-Bars am Bahnhof und in der Kultfabrik, in der Altstadt ist das Geschäft mit den Illusionen noch traditionell.

Eine Gruppe junger Männer kommt herein, Adi dreht „Modern Talking“ lauter. Ein Mann im Manchester-Fußballtrikot bestellt auf englisch neun Bier. Adi kassiert 45 Euro, mehr wird sie von ihnen nicht bekommen. Touristen, die nach dem Hofbräuhausbesuch vorbeischauen, bringen nicht viel Geld. Adi greift wieder nach ihrem Katalog, Conny und ihre drei Kolleginnen dürfen weiter ratschen.

Als zwei Männer Ende Vierzig, einer im Streifenhemd, der andere im schwarzen Anzug, hereinkommen, springt Stripperin Natascha (26) auf ihre 18 Zentimeter hohen Stilettos, zupft das rosa Stretch-Kleid zurecht und wuschelt ihre blonde Mähne auf. „Schön, dass ihr wieder vorbeischaut“, begrüßt sie die Herren. Adi nickt Conny auffordernd zu, sie soll sich mit dazusetzen.

Nur für Champagner gibt es intime Minuten im Separee. Ist der Tropfen alle, muss der Gast sein Mädchen wieder teilen. Nach zehn Minuten verschwinden Conny und Natascha mit den Männern. Der eine bestellt den günstigsten Champagner für 160 Euro, der andere einen Veuve Clicquot für 320 Euro. Die teuerste Flasche für 7000 Euro geht alle ein, zwei Monate raus. Kuscheleinheiten sind teuer.

Vor 25 Jahren, als Adi aus Ungarn mit einer Freundin hierher kam, lockte sie das schnelle Geld. Sie tanzte im bekannten Lola Montez, Bedenken hatte sie keine. „Früher hatte das noch kein Schmuddelimage“, sagt die 54-Jährige. In den Siebzigern hießen die Strip-Bars noch zu Recht „Cabarets“. „Vor dem Eingang lag ein roter Teppich. Es kamen viele Pomis. Wir haben ihnen eine richtige Show geboten. Wir hatten Abendkleider an und Federboas um, manche haben gesungen, einige gezaubert. Wir waren Künstlerinnen.“

Für einige Tänzerinnen im Fantasy ist diese Offenheit heute undenkbar. Die Eltern von Lena (22) aus Ungarn etwa wissen nicht, wie sie sich das Studium in Deutschland finanziert. „Die dürfen das nicht erfahren, sie würden sich schämen.“ Weil Adi weiß, wie einsam solch ein Geheimnis macht, bemüht sie sich, Ersatzmama zu sein. Ab und zu bringt sie einen Topf Nudeln von zuhause mit.

Conny und Natascha sind unterdessen eine knappe Stunde im Separee. Beide sind viele Jahre im Geschäft, haben Adis Ratschläge verinnerlicht. „Das wichtigste ist, die Männer warm zu halten. Sie müssen das Gefühl haben, dich zu erobern. Spiele ihnen vor, sie zu begehren. Aber gibst du ihnen zuviel, kommen sie nicht wieder.“ Mehr als Streicheln und Küssen ist im Sperrbezirk ohnehin nicht erlaubt. Erwischt ein Kontrolleur ein Mädchen beim Sex, gibt’s eine Anzeige, und der Job ist weg. „Wie streng das am Bahnhof gehandhabt wird, weiß ich nicht“, sagt Adi diplomatisch. Damit bei ihr nichts passiert, schaut Adi mindestens alle zwanzig Minuten ins Separee.

Conny stolziert als erste wieder raus, Natascha kurz darauf. Als die Männer mit verzausten Haaren aus der Bar huschen, zwinkert Adi ihren Mädchen zu. Fünf Flaschen Champagner lang haben sie die Gäste hinhalten können. Das gibt dicke Prozente für die beiden.

Adis eigene Tochter (18) wird bald ein festes Gehalt bekommen, als Bürokauffrau-Azubi. „Sie soll stolz von ihrem Beruf erzählen können, so wie ich früher.“

Die Namen der Mädchen wurden geändert.

Nina Bautz

Quelle: tz

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