015.02.09|Bayern|
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Augsburg - Die Zeit heilt alle Wunden“, lautet eine Weisheit. Wie falsch sie ist, weiß jeder, der einmal einen schweren Verlust in seinem Leben ertragen musste. Keine Heilung – man lernt, mit dem Schmerz zu leben. So haben es auch die Eltern von Ursula Herrmann getan.

Die kleine Ursula Herrmann.
Ursulas Eltern, ihr Bruder – wie steht die Familie diesen langwierigen Indizienprozess nur durch? Schon jetzt macht das Ehepaar klar: An der Verhandlung werden sie nicht teilnehmen. Die Details darüber, wie ihre Tochter entführt und vergraben wurde, wie sie dann wegen der defekten Belüftungsanlage erstickte – das alles noch einmal zu durchleben, ist zu viel. Dennoch: Ein Auftritt bleibt ihnen nicht erspart.Am 24. März sind die Eheleute als Zeugen geladen, müssen aussagen. Dann sind sie mit dem mutmaßlichen Täter Werner M. in einem Raum, können ihm in die Augen blicken. Sind sie von seiner Schuld überzeugt? „Nein“, sagt Opfer-Anwältin Marion Zech der tz. Die Eltern seien bisher weder von der Schuld noch von der Unschuld des 58-Jährigen überzeugt. „Sie wollen aber nicht, dass ein Unschuldiger verurteilt wird.“ Bei Zweifeln werde sie daher auf Freispruch plädieren. „Ich werde die Eltern auch deshalb engmaschig über den Prozessverlauf informieren.“ Ursulas Bruder, der zum Zeitpunkt des Verbrechens 18 Jahre alt war, wird indessen den Prozess verfolgen.
Wie gehen die Eltern damit um, wenn jetzt die schreckliche Geschichte von 1981 wieder aufgerührt wird? Zech weicht aus: „Ich quäle sie nicht mit solchen Fragen.“ Tatsache ist: Die Familie Herrmann, die fast täglich das Grab der kleinen Ursula besucht, äußerte sich nie öffentlich über den Fall. „Das wird auch so bleiben.“
Der schwere Gang der Familie – zum Leid kommt noch die Ungewissheit. Denn der Ausgang der Prozesses ist völlig offen. Gegen Werner M. sprechen nur Indizien. Er hat kein Alibi, ein Tonbandgerät wurde bei ihm gefunden, von dem die Erpresseranrufe abgespielt worden sein sollen, zudem gibt es einige Aussagen, die ihn belasten. Und: Der 58-Jährige war vor 28 Jahren ein Nachbar der kleinen Ursula. Er soll sie am Abend des 15. September 1981 vom Rad gerissen und in die Kiste gesperrt haben – da ist sich die Staatsanwaltschaft ganz sicher. Bisher hat Werner M. dazu geschwiegen – beim Prozessauftakt will er aber eine lange Erklärung abgeben. Der Tenor: „Ich war es nicht.“ Riskant: Normalerweise vermeiden Angeklagte jede Gefahr, sich in Widersprüche zu verstricken.
Alles was Ursulas Eltern wollen ist „die Wahrheit“. Auch wenn sie wissen, dass ihnen diese das Leid nicht nehmen wird. Aber sie würde ein bisschen Ruhe in ihr Leben bringen – trotz des nie endenden Schmerzes.
A. Geier/E. Unfried
„Prozess bringt keine Erlösung“: Ein Psychologe erklärt, warum Eltern den Verlust ihrer Kinder verdrängen
Die Eltern von Ursula Herrmann werden den Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer nicht im Gerichtssaal verfolgen. Die Konfrontation mit der Tat wäre zu schmerzhaft. Wie gehen Eltern mit dem Verlust eines Kindes um? Die tz sprach mit Dr. Oliver Seemann, Psychologe aus Starnberg.
Nach fast 30 Jahren wird der Fall Herrmann vielleicht aufgeklärt. Warum scheuen die Eltern den Prozess?
Dr. Oliver Seemann: Die Eltern machen das genau richtig. Den alten Schmerz wieder und wieder zu durchleben, das bringt für sie keine Lösung. Nach so langer Zeit können sie nicht besser schlafen, bloß weil der Täter einen Namen hat. Diese Strafe ist mehr ein Bedürfnis der Gesellschaft.
Wie verarbeiten Eltern so einen Schicksalsschlag?
Dr. Oliver Seemann:So etwas verarbeitet man nicht. Man kann eine solche Tat nur verdrängen. Nach der Trauerphase ist es das beste, mehr zu arbeiten, sich um die Partnerschaft zu kümmern oder zu verreisen. Ablenkung hilft. Etwas zu verdrängen, ist völlig normal.
Aber das Erlebte verschwindet nicht.
Dr. Oliver Seemann:Die Tat wird immer im Hinterkopf bleiben. Einige nutzen die Möglichkeiten einer Therapie zur Trauerbewältigung. Man kann auch den Schmerz durch Hypnose von der Tat abkoppeln. Dann löst der Gedanke daran nicht mehr so starke Emotionen aus.
Viele Taten bleiben ungeklärt. Oft finden die Eltern keine Antworten auf ihre Fragen. Wie gehen Mütter und Väter damit um?
Dr. Oliver Seemann:Viele Angehörige erschaffen sich ein eigenes Bild vom Täter. Auf diese Weise können sie leichter verdrängen. Das ist normal. Wir alle verdrängen starken Schmerz, um weiter leben zu können.
BZ
Quelle: tz

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