Erfolgsdruck, schlechte Stimmung, gestresste Chefs: Immer mehr Berufstätige empfinden ihren Büroalltag als belastend. Das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse (TK).

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Erschöpft und ausgebrannt: Immer mehr Bayern macht der Stress im Job krank
Die Krankheit schleicht sich langsam und unbemerkt in unser Leben. Der Schlaf wird schlechter. Die Glieder schmerzen. Erkältungen und Entzündungen nehmen zu. Die Stimmung ist gereizt bis aggressiv. Und irgendwann kommt das große Tief. Die Batterien sind leer.
Fakt ist: Finanzkrise, Job-Druck und die Angst um den Arbeitsplatz machen immer mehr Berufstätige krank! Laut Techniker Krankenkasse ist die Zahl „psychisch bedingter Fehlzeiten“ in Bayern um 15 Prozent gestiegen. Deutschlandweit binnen zwei Jahren sogar um 20 Prozent. „Immer weniger Personen müssen immer mehr leisten. Dazu sind die Aufgaben vielfältiger und komplexer geworden. Die Balance zwischen Druck und Anerkennung fehlt in vielen Betrieben“, sagt Claudia Fröse, Expertin der TK in Bayern.
„Ich halte die Zahlen sogar noch für untertrieben“, erklärt Dr. Dr. Heinz Golling (56), Chefarzt für psychosomatische Medizin in der Klinik Kronprinz in Prien. Denn Menschen mit stressbedingten Symptomen gehen oft gar nicht zum Arzt. Oder lassen ihre Rückenschmerzen beim Orthopäden und das Herzrasen beim Hausarzt behandeln. Doch Münchens Praxen sind bereits jetzt voller Stress-Patienten. Allgemeinärztin Dr. Nicola Fritz (38): „Sie kommen mit körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen oder Nackenschmerzen. Aber wenn man nachhakt, ist’s fast immer der Stress.“ Die Medizinerin berichtet von Menschen, die trotz Grippe oder gar Lungenentzündung weiterwerkeln. Manche müsse man fast dazu zwingen, sich krankschreiben zu lassen. „Früher hätten sie sich schneller hingelegt. Jetzt aber haben viele Existenzängste.“
Auch die Zahlen der Techniker Krankenkasse belegen: Der Krankenstand ist seit 2000 bundesweit zurückgegangen. Dennoch waren Berufstätige in Bayern 2008 im Schnitt 1,16 Tage wegen Ängsten, Depressionen oder Stress krank – acht Jahre vorher waren’s nur 1,01 Tage. Der schlimmste Fall ist die totale körperliche und geistige Erschöpfung, das Burnout-Syndrom. Plötzlich ist der Alltag nicht mehr zu bewältigen, die Seele ausgebrannt. Betroffene ziehen sich immer mehr zurück, Beziehungen gehen in die Brüche. 15 Prozent der Deutschen sollen laut Experten einmal im Leben burnout-gefährdet sein. Erste Alarmzeichen werden oft ignoriert. Dr. Nicola Fritz weiß: Viele Patienten merken erst in den ruhigen Minuten in ihrer Praxis, „wie fertig sie sind“.
Ob Job-Angst, Dauerstress oder Burnout – die beste Nachricht lautet: „Man kann sehr viel vorbeugend tun“, erklärt Dr. Dr. Heinz Golling. Was der Facharzt für psychosomatische Medizin und andere Experten raten:
Die Zauberworte gegen Erschöpfungszustände lauten Entschleunigung und Work-Life-Balance. Das heißt: Körper und Seele brauchen Phasen von Engagement und Erholung. Man muss abschalten können. Mindestens zwei Stunden abends und vor allem am Wochenende. „Man muss sich regelrecht abstöpseln“, rät Dr. Golling. Handy und Computer müssen dann aus bleiben.
In der Freizeit sind körperliche Bewegung, Hobbys und Zeit fürs Beziehungs- und Familienleben angesagt. „Dadurch geht die Fixierung aufs Berufsleben zurück.“ Sport hält uns zudem gesund und fit.
Im Verborgenen schwelende Konflikte mit Kollegen oder Vorgesetzten sollten möglichst früh offen angesprochen werden.
Auch bei Mobbing gilt: Sofort handeln! Abzuwarten bedeutet nur noch mehr Stress. Das heißt: Wer sich gemobbt fühlt, sollte das unbedingt bei einer Vetrauensperson, etwa einem Ombudsmann, ansprechen und in einem zweiten Schritt mit dem Arbeitgeber. Dr. Golling: „Wenn all das nicht fruchtet, bleibt nur der Gang zu einem Arbeitsrechtler.“
Experten sagen: „Nur wer brennt, brennt aus.“ Erschöpfung und Burnout trifft also vorwiegend Übermotivierte, die ständig 110 Prozent geben und sich keinen Fehler verzeihen. Auch die Chefs sind deshalb gefordert! Menschen, die sich ständig sehr engagieren, sollten ab und zu gebremst werden. Auch das beugt Erschöpfungszuständen vor.
Kollegen und engste Freunde sind ebenfalls gefordert. Ein Kennzeichen für komplette Erschöpfung ist nämlich Selbstisolierung und der Rückzug von Familie und Freunden. Nicht wenige Beziehungen gehen zu Bruch. Experten raten: „Enge Bezugspersonen müssen deutlich machen: Du brauchst dringend ärztliche Hilfe!“
Leider gibt es kein Patentrezept gegen Stress. „Denn jeder Mensch reagiert anders“, so Dr. Heinz Golling. Wenn aber plötzlich der Alltag kaum mehr zu bewältigen ist, hilft nur der Gang zum Arzt, am besten zu einem Experten für psychosomatische Medizin. „Mit individueller Beratung kann man schon im Frühstadium sehr viel erreichen.“
Bei totaler seelischer und geistiger Erschöpfung, bei Burnout, hilft nur sofortige ärztliche Behandlung. Dazu gehören Psycho- und Verhaltenstherapien genauso wie Bewegungs- und Gestaltungstherapie. In der Regel folgt einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt rund ein halbes Jahr der Regeneration. Als Faustregel gilt: „Je früher Burnout vom Fachmann behandelt wird, desto besser.“
Bei der Rückkehr ins Arbeitsleben aber gilt: langsame Reintegration. Sprich: gestufter Wiedereinstieg, am besten Teilzeit-Arbeit. Das schützt Körper und Seele.
tz
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