Impf-Tourismus nach Tirol

Impf-Tourismus nach Tirol

225.10.09|Bayern|9 KommentareFacebook
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München - Am Montag geht’s los: Dann kann sich jeder Bayer gegen Schweinegrippe impfen lassen. An den Münchner Schulen ist das Virus aber nicht zu stoppen.

pieks

© dpa

Umstrittene Pieks-Aktion: In Deutschland bekommen Normalverbraucher den Impfstoff mit Wirkverstärker.

Für die Normalbevölkerung steht als einziger Impfstoff das Präparat Pandemrix zur Verfügung, das Zusatzstoffe zur Wirkverstärkung enthält. Alle offiziellen Stellen empfehlen die Impfung.

Aber ist sie wirklich gut verträglich und sicher? Viele Experten äußern sich auch kritisch. Das Mittel und die Nebenwirkungen der Verstärkerstoffe seien noch nicht genug erforscht. Schließlich hat die Regierung für Politiker, Bundesbeamte und Bundeswehrsoldaten einen anderen Impfstoff (Celvapan) ohne die umstrittenen Verstärker bestellt. Aber es gibt einen Ausweg: Wer sich mit Celvapan impfen lassen möchte, muss nur einen Ausflug ins Nachbarland Österreich machen. Dort wird ausschließlich mit Celvapan geimpft. Diese Impfung können auch Deutsche und andere EU-Bürger erhalten. Die Kosten für das Arzthonorar: acht Euro. Den Impfstoff bezahlt der österreichische Staat.

Der Tiroler Landessanitätsdirektor Dr. Christoph Neuner zur tz: „Ab dem 9. November impfen wir die Allgemeinbevölkerung. Bevorzugt werden zunächst Patienten mit chronischen Krankheiten und Schwangere.“ Gilt das auch für Deutsche? „Wir prüfen den Fall noch“, so Thomas Geiblinger vom österreichischen Gesundheitsministerium zur tz. Die Durchführung der Impfungen liegt jedoch in den Händen der Bundesländer. Und Tirols Gesundheitschef Neuner hat bereits entschieden: „Natürlich können sich hier auch Deutsche impfen lassen. Die Gesundheit unserer Gäste liegt uns sehr am Herzen.“

Dr. Neuner bedauert sogar noch, dass Deutsche für die Impfung acht Euro entrichten müssen, während gesetzlich versicherte Österreicher nur 4,90 Euro zahlen: „Diese acht Euro sind der Satz für nichtversicherte Patienten. Möglicherweise erstatten deutsche Krankenkassen zumindest den erhöhten Anteil von 3,10 Euro.“

Der Grund, warum in Österreich der verstärkerfreie Impfstoff Celvapan zum Einsatz kommt, ist einfach: Der Pharma-Weltkonzern Baxter, der Celvapan herstellt, hat in Wien seine Forschungszentrale. „Der Impfstoff wird in Österreich und Tschechien hergestellt“, sagt Roland Betschat von Baxter Österreich. „Wir liefern ihn bisher nur an Regierungen.“ Deshalb wird er in nächster Zeit auch nicht für deutsche Ärzte erhältlich sein.

Obwohl in Österreich ab 9. November zunächst chronisch Kranke und Schwangere bevorzugt werden sollen, haben auch alle anderen gute Chancen, gleich geimpft zu werden. „Der Impfstoff wird nur in Durchstechflaschen mit jeweils zehn Dosen geliefert“, erklärt Neuner. „Wenn der Arzt eine Ampulle öffnet, müssen also zehn Impfwillige anwesend sein. Diese Gruppen werden sich deshalb immer aus Chronikern, Schwangeren und Normalpatienten zusammensetzen. Es ist also sinnvoll, sich bei einem Tiroler Allgemein- oder Kinderarzt anzumelden.“ Nach einer aktuellen Umfrage wollen sich nur 13 Prozent der Deutschen impfen lassen. 20 Prozent seien unentschlossen.

Alle reden von der Schweinegrippe – Influenza-Experte Prof. Georg Vogel warnt, die normale Grippe-Impfung nicht zu vergessen. „An der Schweinegrippe sind bisher erst drei Deutsche verstorben. Die saisonale Grippe aber könnte in den nächsten Monaten genau wie im letzten Winter 15 000 Todesopfer fordern. Und dieser Impfstoff ist gut erforscht und sicher.“

Michael Timm

Jede dritte Münchner Schule betroffen

An den Münchner Schulen ist die Schweinegrippe nicht mehr zu stoppen. Das diagnostiziert das Gesundheitsamt und muss sich geschlagen geben. „Schulen wegen der Neuen Influenza zu schließen, macht keinen Sinn. Die Krankheit ist so nicht mehr aufzuhalten“, sagt Renate Binder vom städtischen Gesundheitsreferat der tz. An rund hundert der 340 Münchner Schulen gab und gibt es kranke Kinder! Vor ein paar Tagen war noch von 60 Schulen die Rede. Auch Kindergärten würden nun nicht mehr dichtgemacht.

Die Ansteckungsgefahr ist mittlerweile in der ganzen Stadt gewachsen: Über 1100 Fälle waren bereits am Freitag insgesamt offiziell gemeldet, rund 100 kommen derzeit täglich hinzu. Im Landkreis zählte die Statistik 425 Kranke. Der Großraum München gilt im Epidemiologischen Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts neben dem Ruhrgebiet als Zentrum der Schweinegrippe. In ganz Bayern sind demnach aktuell drei von 100 000 Bürgern akut erkrankt. Das klingt zwar nach wenig, liegt aber drei- bis fünfmal über den Werten der anderen Bundesländer. Experten vermuten ohnehin eine bis zu zehnmal so hohe Dunkelziffer, weil die Infektion oft auch so mild verläuft, dass Kranke gar nicht zum Arzt gehen. Renate Binder vom Gesundheitsreferat sagt: „Die Schweinegrippe ist mitten in der Bevölkerung angekommen.“

Die Schulen würden zwar weiter über alle Krankheitsfälle informiert, Schließungen soll es aber keine mehr geben. Bis vor wenigen Wochen waren auch im Umland immer wieder einzelne Klassen oder ganze Jahrgänge für eine Woche heimgeschickt worden – oder das jeweilige Gesundheitsamt sperrte gleich die Schule ab. Den Anfang hatte im Juni der 12. Jahrgang des Theresiengymnasiums gemacht – ein Mitschüler kam krank aus den USA zurück. Heute sind an manchen Schulen Dutzende Kinder krank. Eltern sollen sie bei den Hausärzten behandeln und sich auch über die Impfung beraten lassen.

Eine Ausnahme macht das Gesundheitsamt bei den Kleinsten: Krippen mit Kindern unter drei Jahren würden bei neuen Infektionen auch wieder sofort geschlossen werden. Derzeit ist dem Gesundheitsamt aber kein einziger Fall bekannt.

David Costanzo

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