München - Vor drei Monaten, am 22. Februar, schilderte der frühere Polizeireporter der tz, Karl Roithmeier, in einem Beitrag zum 40-jährigen Bestehen der tz den Fall Ursula Herrmann auf sehr persönliche Weise.
Von den vielen schrecklichen Ereignissen, mit denen ich als langjähriger Polizeireporter konfrontiert wurde und die mich als Berichterstatter oftmals bis zur Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit forderten, ist eine ganze Reihe – aus verschiedenen Gründen – nachhaltig und bis ins kleinste Detail in meinem Gedächtnis haften geblieben:
- der politisch motivierte Terroranschlag auf die Olympischen Spiele 1972 mit mehreren Toten – wegen der weltweiten Dimension;
- die Entführung des Industriellensohnes Richard Oetker im Dezember 1976 – wegen der perfiden Ausführung und der verlogenen Kaltschnäuzigkeit des Täters vor Gericht;
- der menschenverachtende Bombenanschlag auf das Oktoberfest mit seinen makabren Begleiterscheinungen am 26. September 1980 (13 Tote, über 200 zum Teil schwer verletzte Wiesn-Besucher).
Die ungeheure Anspannung bei den Recherchen, der enorme Zeitdruck, die Hektik im Redaktionsablauf und der Panzer, den sich ein Polizeireporter zum Schutz der eigenen Gefühle zulegen muss, lassen zunächst keine persönlichen Emotionen hochkommen. Unbeeindruckt lässt eine aus dem Rahmen fallende Tat aber selbst den hartgesottensten Reporter nicht, vor allem dann nicht, wenn das Opfer ein unschuldiges Kind ist.
Zur geplanten Geldübergabe kam es nicht, weil der Täter sich nicht mehr meldete. Schier endlose zwei Wochen des Hoffens und Bangens folgten. Teilweise über 120 Polizeibeamte durchstöberten tagelang mit speziell ausgebildeten Hunden das vier Quadratkilometer große Waldstück rund um den Fahrrad-Auffindungsort.
Nichts, keine Spur! Am 4. Oktober schließlich wurde die Kleine mehr durch Zufall als durch gezielte Suche entdeckt – eingepfercht in einem engen Verlies, tot!
Auf einem in der Nähe gelegenen Autoparkplatz teilte uns Reportern der Polizeieinsatzleiter in einer improvisierten Pressekonferenz mit stockender Stimme die erschütternde, aber wohl von allen befürchtete Tatsache vom gewaltsamen Tod der Schülerin mit. Wir erfuhren zunächst nur, dass das Kind tot gefunden wurde.
Das ganze Ausmaß der Entführung und deren fürchterliches Ende konnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal erahnen. Gemeinsam gingen wir – schockiert, schweigend und mit enormer innerer Anspannung – einen Waldweg entlang zum Fundort der Leiche: Im Dickicht, etwa zwanzig Meter abseits des Weges, starrten wir wie paralysiert auf eine im Boden eingelassene, mit Wolldecken, Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Lesestoff für ein Kind ausgestattete Holzkiste, die der Verbrecher als Gefängnis gezimmert hatte.
Jedem von uns war sofort klar, dass die Gefangene, die keine äußeren Verletzungen aufwies, erstickt ist, weil die drei nach oben geführten Entlüftungsrohre durch Laub verstopft waren. (Die Obduktion hat diese erste Einschätzung dann auch bestätigt.) Welche Angst musste das Kind bis zu seinem qualvollen Tod etwa sechs Stunden nach seiner Gefangennahme ausgestanden haben, welche unvorstellbaren Todesängste…
Die Situation war derart beklemmend, wie ich sie bis dahin und auch später nie mehr erlebt habe, obwohl ich im Verlaufe vieler Jahre oft tief in menschliche Abgründe eintauchen musste und viele Angehörige von Verbrechensopfern in ihrer Verzweiflung erlebt habe. Die umstehenden Polizisten weinten.
Selbst ein durch viele Einsätze als Mordermittler abgehärteter Beamter, von dem ich eine solch herzzerreißende Betroffenheit nicht erwartet hätte, ließ seinen Tränen freien Lauf. Keiner war mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Minutenlang wagten die Fotografen-Kollegen nicht, die gespenstische Stille durch das Klicken der Auslöser ihrer Kameras zu stören.
Was war das für ein Mensch, der zu solch einer Tat fähig war!? Auch wenn man davon ausgehen konnte, dass der Tod nicht beabsichtigt war – ein kleines, unschuldiges Mädchen vom Rad zu reißen und das sich heftig wehrende, um Hilfe schreiende Kind mit Brachialgewalt mit sich zu zerren, in ein finsteres Verließ zu stoßen und einem ungewissen Schicksal zu überlassen, war schon verwerflich genug.
Fassungslosigkeit herrschte auch in der Redaktion, als ich nach der Rückkehr ausführlich von dem eben Erlebten berichtete, bevor ich mich dann, innerlich aufgewühlt, um einen möglichst kühlen Kopf bemüht, an die Abfassung diverser Artikel machte. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich abends, ohne detailliert den aktuellen Grund zu nennen, meiner damals elfjährigen Tochter ins Gewissen redete, sich nie von einer fremden Person mitlocken zu lassen und wie auch immer geartete, verdächtige Wahrnehmungen in ihrem Umfeld umgehend zu melden.
Der Fall Ursula Herrmann ist bis heute ungeklärt. Die Polizei ermittelte mehrere Hauptverdächtige, konnte jedoch keinem die Tat nachweisen. Ich hoffe sehr, die zum Sarg gewordene Holzkiste vor Augen, dass das Verbrechen doch noch geklärt wird, der Täter für den Rest seines Lebens hinter Gitter kommt und die Tat nicht als erpresserischer Menschraub mit Todesfolge bagatellisiert wird und wegen Verjährung nicht mehr geahndet werden kann.
Quelle: tz
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