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"Diesen Fall werde ich nie vergessen"

Der bewegende Bericht des tz-Polizeireporters Karl Roithmeier zu Ursula Herrmann

"Diesen Fall werde ich nie vergessen"

München - Vor drei Monaten, am 22. Februar, schilderte der frühere Polizeireporter der tz, Karl Roithmeier, in einem Beitrag zum 40-jährigen Bestehen der tz den Fall Ursula Herrmann auf sehr persönliche Weise.

Das Archivbild vom 5. Oktober 1981 zeigt die in einem Waldstück bei Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg am Lech) vergrabene Holzkiste, in der die zehnjährige Ursula Herrmann am 4. Oktober 1981 tot aufgefunden wurde.© PolizeiDas Archivbild vom 5. Oktober 1981 zeigt die in einem Waldstück bei Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg am Lech) vergrabene Holzkiste, in der die zehnjährige Ursula Herrmann am 4. Oktober 1981 tot aufgefunden wurde.

Damals hoffte er noch, der Täter werde gefunden. Jetzt sagt er: „Ich bin froh und erleichtert. Die einzige Sorge ist, dass ihn ein guter Verteidiger vielleicht rausboxt und er nicht als Mörder verurteilt wird.“ Lesen Sie hier seinen bewegenden, eindringlichen Bericht:

Von den vielen schrecklichen Ereignissen, mit denen ich als langjähriger Polizeireporter konfrontiert wurde und die mich als Berichterstatter oftmals bis zur Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit forderten, ist eine ganze Reihe – aus verschiedenen Gründen – nachhaltig und bis ins kleinste Detail in meinem Gedächtnis haften geblieben:

Der Fall Ursula Herrmann in Bildern

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  • kappeln In Kappeln wurde Werner M. geschnappt. Kaum ein Ort in Deutschland ist mit über 920 Kilometern von München weiter entfernt als das 10.000-Seelen-Städtchen
  • Niro Werner heißt der Laden von Werner M. in Kappeln: Vorne ist das Geschäft für Yacht- und Bootszubehör, hinten hat er gewohnt
  • Der hintere Teil von Werner M.s Haus: In der kleinen Hütte hat der 58-Jährige bayerische Schmankerl verkauft
  • Abendliche Hafen-Romantik in Kappeln: Der Ort ist die Kulisse für die ZDF-Serie "Der Landarzt"
  • Die Hartnäckigkeit und akribische Kleinarbeit haben sich gelohnt: Nach fast 27 Jahren hat das Team um Josef Geißdörfer (LKA) den Fall Ursula Herrmann gelöst. Alle Akten im Hintergrund drehen sich um diesen Fall
  • Ein Fotograf filmt bei der Pressekonferenz die Kiste, in der das Mädchen qualvoll ersticken musste, und das Fahrrad, mit dem Ursula Herrmann vom Turnunterricht heimradelte
  • Das Grab von Ursula Herrmann in Eching
  • Ein Herz aus Blumen auf dem Grab von Ursula Herrmann in Eching
  • Mit diesem Fahrrad war das Mädchen im Waldstück zwischen Schondorf und Eching unterwegs
  • Peter Burghardt, Sprecher des LKA, zeigt die Kiste, in der Ursula Herrmann so qualvoll im Wald erstickte
  • Peter Burghardt, Sprecher des LKA, mit dem Fahrrad des Mädchens und der Kiste, in der sie gefangen gehalten worden ist
  • Josef Geißdörfer vom LKA mit dem Fahrrad von Ursula Herrmann, dahinter ein Nachbau der Kiste, in der sie vergraben war
  • Die Kiste war auch in der Polizeiausstellung "Die vergessenen Fälle" im Jahr 1999 im Münchner Stadtmuseum zu sehen
  • In dieser Position wurde Ursula Herrmann in der Kiste gefunden
  • Polizisten haben 19 Tage lang nach dem Mädchen gesucht
  • Jede Menge Schokolade und Kekse hat der Entführer Ursula Herrmann mit in die Kiste gelegt
  • Der Entführer hatte Ursula Herrmann Groschenhefte mit in die Kiste gelegt
  • Erst 19 Tage nach der Entführung wurde die Leiche des Mädchens bei einer Suchaktion gefunden
  • Die Leiche der Schülerin Ursula Herrmann wird in einem Zinksarg wegtransportiert (Archivfoto vom 04.10.1981)
  • Einer der insgesamt drei Erpresserbriefe im Fall Ursula Herrmann, die mit aus Zeitungen geschnittenen Wörtern zusammengesetzt waren (Archivfoto vom 5.10.1981)
  • Ein Passbild der Zehnjährigen
  • Der Eingang des unterirdischen Verlieses in einem Waldstück bei Schondorf, das mit frisch gepflanzten Bäumen getarnt war
  • Ursula Herrmann aus Eching wurde am 4. Oktober 1981 tot in einer Kiste im Wald gefunden
  • Im Alter von zehn Jahren ist Ursula Herrmann aus Eching entführt worden und qualvoll in einer Kiste erstickt
  • Das Archivbild vom 5. Oktober 1981 zeigt die in einem Waldstück bei Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg am Lech) vergrabene Holzkiste, in der die zehnjährige Ursula Herrmann am 4. Oktober 1981 tot aufgefunden wurde

vor

Einer der insgesamt drei Erpresserbriefe im Fall Ursula Herrmann, die mit aus Zeitungen geschnittenen Wörtern zusammengesetzt waren (Archivfoto vom 5.10.1981).© dpaEiner der insgesamt drei Erpresserbriefe im Fall Ursula Herrmann, die mit aus Zeitungen geschnittenen Wörtern zusammengesetzt waren (Archivfoto vom 5.10.1981).

- der erste Banküberfall mit Geiselnahme am 4. August 1971 in der Prinzregentenstraße – wegen der ungeheuren Dramatik vom Anfang bis zur mitternächtlichen Schießerei (zwei Tote);

- der politisch motivierte Terroranschlag auf die Olympischen Spiele 1972 mit mehreren Toten – wegen der weltweiten Dimension;

- die Entführung des Industriellensohnes Richard Oetker im Dezember 1976 – wegen der perfiden Ausführung und der verlogenen Kaltschnäuzigkeit des Täters vor Gericht;

- der menschenverachtende Bombenanschlag auf das Oktoberfest mit seinen makabren Begleiterscheinungen am 26. September 1980 (13 Tote, über 200 zum Teil schwer verletzte Wiesn-Besucher).

Die ungeheure Anspannung bei den Recherchen, der enorme Zeitdruck, die Hektik im Redaktionsablauf und der Panzer, den sich ein Polizeireporter zum Schutz der eigenen Gefühle zulegen muss, lassen zunächst keine persönlichen Emotionen hochkommen. Unbeeindruckt lässt eine aus dem Rahmen fallende Tat aber selbst den hartgesottensten Reporter nicht, vor allem dann nicht, wenn das Opfer ein unschuldiges Kind ist.

Die Leiche der Schülerin Ursula Herrmann wird in einem Zinksarg wegtransportiert (Archivfoto vom 04.10.1981).© dpaDie Leiche der Schülerin Ursula Herrmann wird in einem Zinksarg wegtransportiert (Archivfoto vom 04.10.1981).

Der Fall, der mir wohl am stärksten an die Nieren ging, war die abendliche Entführung der Schülerin Ursula Herrmann (10) am 15. September 1981 in einem Waldstück zwischen Eching am Ammersee und Schondorf, knapp 400 Meter vom Elternhaus entfernt. Die polizeiliche Mitteilung, dass die Schülerin vermisst und ihr Rad gefunden wurde, ließ sofort den Verdacht auf ein Kidnapping aufkommen, denn das Mädchen war bis dahin nach der Turnstunde immer zuverlässig und pünktlich nach Hause gekommen. Ein Telefonanruf der besorgten Eltern beim Onkel, den das Kind noch besucht hatte, ergab, dass die Schülerin rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit losgeradelt war und längst hätte daheim sein müssen.

Ein paar Tage danach bestätigte sich die allgemeine Befürchtung: Telefonisch und in holprigem Deutsch verfassten Briefen forderten der oder die Entführer von den Eltern zwei Millionen Mark Lösegeld, versicherten, dass das Kind noch am Leben sei – eine unbewusste oder gar absichtliche, diabolisch mit den Gefühlen der gramgebeugten Eltern spielende Fehlinformation, wie sich später herausstellen sollte.

Zur geplanten Geldübergabe kam es nicht, weil der Täter sich nicht mehr meldete. Schier endlose zwei Wochen des Hoffens und Bangens folgten. Teilweise über 120 Polizeibeamte durchstöberten tagelang mit speziell ausgebildeten Hunden das vier Quadratkilometer große Waldstück rund um den Fahrrad-Auffindungsort.

Nichts, keine Spur! Am 4. Oktober schließlich wurde die Kleine mehr durch Zufall als durch gezielte Suche entdeckt – eingepfercht in einem engen Verlies, tot!

Auf einem in der Nähe gelegenen Autoparkplatz teilte uns Reportern der Polizeieinsatzleiter in einer improvisierten Pressekonferenz mit stockender Stimme die erschütternde, aber wohl von allen befürchtete Tatsache vom gewaltsamen Tod der Schülerin mit. Wir erfuhren zunächst nur, dass das Kind tot gefunden wurde.

Das ganze Ausmaß der Entführung und deren fürchterliches Ende konnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal erahnen. Gemeinsam gingen wir – schockiert, schweigend und mit enormer innerer Anspannung – einen Waldweg entlang zum Fundort der Leiche: Im Dickicht, etwa zwanzig Meter abseits des Weges, starrten wir wie paralysiert auf eine im Boden eingelassene, mit Wolldecken, Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Lesestoff für ein Kind ausgestattete Holzkiste, die der Verbrecher als Gefängnis gezimmert hatte.

Ein Passbild der Zehnjährigen.© dpaEin Passbild der Zehnjährigen.

Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keine Kenntnis von der Todesursache, konnten aber davon ausgehen, dass die Entführte jämmerlich ums Leben gekommen sein musste, denn der Täter würde sich wohl kaum die Mühe gemacht haben, eine als kleinen Wohnraum ausgestattete Kiste für ein bereits totes Opfer zu fabrizieren. Seine Geisel musste, als er sie in die Kiste drückte, noch gelebt haben.

Jedem von uns war sofort klar, dass die Gefangene, die keine äußeren Verletzungen aufwies, erstickt ist, weil die drei nach oben geführten Entlüftungsrohre durch Laub verstopft waren. (Die Obduktion hat diese erste Einschätzung dann auch bestätigt.) Welche Angst musste das Kind bis zu seinem qualvollen Tod etwa sechs Stunden nach seiner Gefangennahme ausgestanden haben, welche unvorstellbaren Todesängste…

Die Situation war derart beklemmend, wie ich sie bis dahin und auch später nie mehr erlebt habe, obwohl ich im Verlaufe vieler Jahre oft tief in menschliche Abgründe eintauchen musste und viele Angehörige von Verbrechensopfern in ihrer Verzweiflung erlebt habe. Die umstehenden Polizisten weinten.

Selbst ein durch viele Einsätze als Mordermittler abgehärteter Beamter, von dem ich eine solch herzzerreißende Betroffenheit nicht erwartet hätte, ließ seinen Tränen freien Lauf. Keiner war mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Minutenlang wagten die Fotografen-Kollegen nicht, die gespenstische Stille durch das Klicken der Auslöser ihrer Kameras zu stören.

Was war das für ein Mensch, der zu solch einer Tat fähig war!? Auch wenn man davon ausgehen konnte, dass der Tod nicht beabsichtigt war – ein kleines, unschuldiges Mädchen vom Rad zu reißen und das sich heftig wehrende, um Hilfe schreiende Kind mit Brachialgewalt mit sich zu zerren, in ein finsteres Verließ zu stoßen und einem ungewissen Schicksal zu überlassen, war schon verwerflich genug.

Fassungslosigkeit herrschte auch in der Redaktion, als ich nach der Rückkehr ausführlich von dem eben Erlebten berichtete, bevor ich mich dann, innerlich aufgewühlt, um einen möglichst kühlen Kopf bemüht, an die Abfassung diverser Artikel machte. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich abends, ohne detailliert den aktuellen Grund zu nennen, meiner damals elfjährigen Tochter ins Gewissen redete, sich nie von einer fremden Person mitlocken zu lassen und wie auch immer geartete, verdächtige Wahrnehmungen in ihrem Umfeld umgehend zu melden.

Der Fall Ursula Herrmann ist bis heute ungeklärt. Die Polizei ermittelte mehrere Hauptverdächtige, konnte jedoch keinem die Tat nachweisen. Ich hoffe sehr, die zum Sarg gewordene Holzkiste vor Augen, dass das Verbrechen doch noch geklärt wird, der Täter für den Rest seines Lebens hinter Gitter kommt und die Tat nicht als erpresserischer Menschraub mit Todesfolge bagatellisiert wird und wegen Verjährung nicht mehr geahndet werden kann.

Quelle: tz

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